
"Gegen
die Wand" erzählt die ungewöhnliche Liebesgeschichte zweier
Menschen,
die verzweifelt sind und am Abgrund ihres Lebens stehen. Sie
schließen
einen Pakt: Um den Ansprüchen und Traditionen ihrer Familie
gerecht zu
werden, heiratet Sibel (Sibel Kekilli) zum Schein den Draufgänger
Cahit
(Birol Ünel). Aus dieser Farce wird bald eine ernsthafte
Freundschaft,
Cahit und Sibel entdecken ihre Gefühle füreinander. Einmal
mehr
beobachtet Regisseur Fatih Akin ("Kurz und schmerzlos", "Solino") das
türkische Milieu in Hamburg. Mit inszenatorischer Leichtigkeit
erzählt
Akin die Odyssee der beiden Liebenden, deren Weg schließlich nach
Istanbul führt. "Gegen die Wand" erhielt auf der diesjährigen
Berlinale
den Goldenen Bären. Seit 18 Jahren wurde damit erstmals wieder ein
deutscher Film mit diesem Hauptpreis bedacht. Im Folgenden soll die
Pressekonferenz zu "Gegen die Wand" wiedergegeben werden, bei welcher
die Darsteller, der Regisseur und die beiden Produzenten des Films
zugegen waren. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz war der von der "Bild"
- Zeitung aufgedeckte Mini - Skandal um Hauptdarstellerin Sibel Kekilli
noch nicht bekannt. Wie "Bild" herausfand, wirkte Kekilli vor "Gegen
die Wand" in einigen Pornofilmen mit.
Fragesteller 1: Herr Akin, können Sie etwas
zum Ablauf der Dreharbeiten sagen?
Fatih Akin: Wir haben chronologisch gedreht. Es
gab
hierfür verschiedene Gründe. Einer war, weil Sibel Kekilli
zum ersten
Mal in einem Film auftrat. Wir haben alles Mögliche versucht, ihr
entgegen zu kommen. Für jemanden, der das erstmalig macht, ist es
so
einfacher, sich in eine Rolle einzuarbeiten. So kann man den Ablauf der
Charakterentwicklung leichter nachvollziehen. Für mich war das
aber
auch ganz gut, weil man auf das gedrehte Material wunderbar reagieren
konnte. Wenn sich eine Spannungskurve ergeben hat, die abweichend vom
Drehbuch war, konnte man der Kurve des Films folgen. Das kann man
wesentlich besser, wenn man chronologisch dreht. Das Projekt war
ohnehin von viel Freiraum begleitet. Wir versuchten, eine
größtmögliche
Freiheit bei den Dreharbeiten zu schaffen.
Fragesteller 2: Die Geschichte ist ja sehr
detail - und facettenreich. Was wollten Sie unbedingt erzählen?
Fatih Akin: Das Wichtigste war, mit der
Erzählform zu
experimentieren. Ich mache das gern und fragte mich: Wie kann man
anstatt des klassischen Dreiakters Sachen anders erzählen?
Für uns war
es wichtig, dass sich die Dramaturgie aus den Figuren heraus ergibt.
Die Figuren sollten die Dramaturgie bestimmen. Die beiden Hauptfiguren
tragen unsere Geschichte.
Fragesteller 3: Im Vorspann hat man gesehen,
dass Sie
Ihr Geld von verschiedenen Förderinstituten zusammenglauben
mussten,
ein typisch deutsches Phänomen. Können Sie etwas zur
Finanzierung
sagen? Das war ja bestimmt nicht leicht, weil erstens das Thema keine
leichte Kost ist und zweitens wegen der Mehrsprachigkeit des Films.
Fatih Akin: Ich denke, das ist eine Frage an die
Jungs von "Wüste Film" …
Ralph Schwingel: Das war sicherlich ein
Sonderfall,
weil es sehr einfach war. Fatih hat durch die Stärke des Buchs und
des
gesamten Projekts sehr viel Vertrauen genossen. Unsere Haltung, den
Film in zwei Sprachen - Deutsch und Türkisch - zu drehen, hat
beeindruckt. Es gibt also diesbezüglich keine Leidensgeschichte zu
erzählen. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Förder -
und
Sendeanstalten verlief reibungslos. Es gibt aber auch andere Beispiele
in der Filmbranche, auch bei Fatih. Zum Beispiel hatten wir bei "Kurz
und schmerzlos", Fatihs Debüt, in der Finanzierungsphase
wesentlich
mehr Probleme.
Fragesteller 4: Inwieweit improvisieren Sie und
lassen sich von den Schauspielern während der Dreharbeiten
beeinflussen?
Fatih Akin: Erst einmal vorweg: Ich liebe
Schauspieler
und arbeite sehr gern mit Schauspielern. Für mich ist das einer
der
Aspekte beim Filmemachen, der mir am meisten Spaß macht. Ich
lasse mich
auch gern von meinem Schauspielern treiben. Ich bereite vor, so gut ich
kann: Ich schreibe das Buch und löse die Kapitel szenisch auf,
aber ich
reagiere trotzdem auf meine Schauspieler. Man hat es ja mit Menschen zu
tun, es sind ja keine Puppen. Mein Prinzip heißt: "Go with the
flow".
Ich instruiere die Schauspieler, dass sie auf einen bestimmten Punkt
hinspielen. Ich erkläre ihnen den Sinn der Szene. Wie sie
letztlich an
den Punkt gelangen, ist ihnen überlassen. Ich filme sie dann
einfach
ab. Und ich bin dankbar, dass ich so starke und intelligente
Schauspieler habe.
Fragesteller 5 (Anke Engelke): An Fatih: War der
Schluss von Anfang an so intendiert? An Sibel: "Go with the flow"
klingt interessant. Die Szenen sind aber teilweise ziemlich genau
choreographiert. Ein paar Anweisungen vom Regisseur muss es doch
gegeben haben? Hat Dich der Film durch die schauspielerischen
Erfahrungen verändert? Und an Birol: Warum sprichst Du
zwischendurch
plötzlich Englisch? War das Deine Idee?
Fatih Akin: Der Schluss war im Großen und
Ganzen so
geplant, wie man ihn nun im Film sieht. Vor dem eigentlichen Schluss
war ursprünglich beabsichtigt, dass die beiden wieder in den
Ausgangszustand vom Anfang des Films zurückfallen - also, dass sie
wieder beginnen, Alkohol zu trinken und sich mit irgendwelchen Leuten
auf der Straße prügeln. Wir waren aber am Ende der
Dreharbeiten
ziemlich erschöpft. Es waren wirklich anstrengende Dreharbeiten.
Dann
haben wir uns das so zurecht geschustert, dass wir die neu ausgedachten
Szenen im Hotelzimmer drehen konnten. Außerdem hatten die Figuren
eine
Entwicklung durchgemacht, die nun tatsächlich vom Drehbuch abwich.
Deswegen musste etwas verändert werden.
Sibel
Kekilli: Ich bin durch den Film, denke ich, reifer geworden.
Mit "Gegen die Wand" hat für mich ein neues Leben angefangen.
Fragesteller 5: Birol, the english part in the
movie: Why did you do that?
Birol Ünel: Das ist eine Anspielung auf die
zweite
Generation, also auf die Kinder der türkischen Einwanderer.
Für uns,
ich gehöre zu dieser zweiten Generation, ist es schwieriger
geworden,
sich emotional und intellektuell in Türkisch auszudrücken und
sich so
verständig zu machen wie man es vom Deutschen gewohnt ist. Das
haben
wir thematisiert. Ich finde es in der angesprochenen Szene richtig,
Sprachen zu wechseln und Englisch zu sprechen. Der Wortschatz des
Türkischen ist wesentlich limitierter als jener in der ersten
Generation. Dieses Sprachkauderwelsch ist sicherlich auch ein
Bekenntnis zu einer misslungenen Migrationspolitik.
Fragesteller 6: Herr Akin, was sind Ihre
zukünftigen Projekte?
Fatih Akin: Es gibt gleich mehrere Projekte.
Normalerweise wusste ich immer, wenn ich einen Film beendete, welchen
ich als nächstes drehen würde. Bei "Gegen die Wand" war es
das erste
Mal, dass ich nicht wusste, was folgen würde. Auf die Schnelle
habe ich
nun ein paar Sachen geschrieben bzw. in der Entwicklung. Ich plane
einen Dokumentarfilm über die Musik, die in "Gegen die Wand"
vorkommt,
also über die Fusion zwischen westlicher und östlicher Musik.
Außerdem
schreibe ich gerade an einem Buch, welches von einem Freund von mir,
einem Restaurantbesitzer, der momentan in einer Lebenskrise ist,
handelt. Der Film wird trotzdem etwas Leichteres, "Soul Kitchen" soll
er heißen.
Fragesteller 7: Ich hatte befürchtet, dass
"Gegen die
Wand" eine routinierte Milieustudie und Gastarbeitergeschichte werden
würde. Dies haben Sie eindrucksvoll widerlegt. Hatten Sie
ähnliche
Befürchtungen vor dem Drehen gehabt? Übrigens, Kompliment:
Nach dem
eher missglückten "Solino", zu dem Sie ja das Buch nicht selbst
geschrieben haben, haben Sie nun die Kraft und gewohnte Stärke,
die
sich in Ihren anderen Filmen findet, zurück gewonnen.
Fatih Akin: Ich hatte vor ganz anderen Sachen
Angst,
als denen, die Sie eben angesprochen haben. Das Wort "Gastarbeiter"
existiert auch nicht mehr in meinem Wortschatz. Es gibt immer noch zu
viele Journalisten, die fragen, ob meine Filme "Gastarbeiterfilme"
sind. Das sind altmodische Ansichten, die ins letzte Jahrtausend
gehören.
Fragesteller 8: An Fatih: Welche Reaktionen
erwarten
Sie von der deutschtürkischen Jugend, wenn Sie "Gegen die Wand"
sehen?
An Sibel: Stimmt es, dass Sie durch diesen Film statt Beamtin jetzt
Schauspielerin geworden sind?
Sibel Kekilli: (lacht) Ich war keine Beamtin,
sondern Verwaltungsfachangestellte im Heilbronner Rathaus…
Fatih Akin: Die haben gute Leute in Heilbronn.
(Lachen im Publikum)
Sibel Kekilli: Als ich entdeckt wurde, hatte ich
bereits gekündigt. Ich wollte dort nicht länger arbeiten und
dann
erhielt ich dieses Filmangebot.
Moderator: Aber Herr Akin, wie kommt man denn
ins Heilbronner Rathaus?
Fatih Akin: Ich war nicht in Heilbronn. Meine
Casterin
hat ein Streetcasting gemacht. Sie hat Sibel in Köln beim
Einkaufen
angesprochen. Wir haben uns etwas 350 Frauen, die alle keine
Schauspielerinnen waren, angeschaut und eine engere Auswahl getroffen.
Birol Ünel war beim Casting stets dabei, er stand für die
Rolle von
Beginn an fest. So probierten wir bei den Tests, welche Frau am besten
mit Birol harmoniert. Und Birol/Sibel war einfach das beste Paar.
Moderator: Die erwarteten Reaktionen zu "Gegen
die Wand"…
Fatih Akin: Die Reaktionen sind ja in mir drin,
weil
ich ja selbst Deutschtürke bin. Ich hatte drei verschieden
Blickrichtungen auf den Film, der deutsch-deutsche, der
deutsch-türkische und der türkisch-türkische. Zwischen
diesen drei
Blicken wollte ich die größtmögliche Schnittmenge
finden. Ich hoffe,
dass der Film konservative türkische Familien zum Diskutieren
anregt.
Ich bin z. B. gespannt, wie meine Eltern den Film finden werden. Das
macht mich wirklich sehr nervös. Die verschiedenen Reaktionen kann
ich
aber nicht voraussagen.
Fragesteller 9: An Sibel: Kann man das Verhalten
Ihrer Figur als Aufruf verstehen, sich von dieser Last der Ehre, der
Tradition zu befreien?
Sibel Kekilli: Ich denke schon. Ich habe aber
das
Gefühl, dass meine Generation sich wieder verstärkt auf die
Wurzeln und
Traditionen zurück besinnt und wieder türkischer wird. Ich
hoffe aber,
dass die Elterngeneration "Gegen die Wand" als Hinweis und Warnung
versteht, was passieren kann, wenn man die Generation der Kinder nicht
begleitet und sie nicht unterstützt.
Fragesteller 10: Ist das eine Aufforderung an
die Eltern, die Kinder anders zu erziehen?
Fatih
Akin:
Nein. Definitiv nicht. Was Tradition betrifft, würde ich mich als
loyale Opposition bezeichnen. Das heißt, ich akzeptiere
Tradition, da
sind viele schöne Sachen dabei. Aber sobald es beim Traditionellen
dogmatisch wird, muss man sich wehren. Ich hoffe, dass der Film helfen
kann, diese Problematik aufzuarbeiten. Ich habe mir aber Mühe
gegeben,
die Eltern nicht zu denunzieren, sondern respekt- und würdevoll
darzustellen. Diese erste Generation ist ja selbst "Opfer" dieser
langjährigen Tradition. Sie opponieren ja auch und tragen z. B.
meist
keine Kopftücher mehr.
Fragesteller 11: Wo leben denn Ihrer Ansicht
nach die moderneren, fortschrittlicheren Türken? In Deutschland
oder der Türkei?
Fatih Akin: In der Türkei, in Istanbul.
Dort befindet
sich ja logischerweise die Mehrheit der Türken und es gibt eine
permanente Entwicklung. Die Türken in der Türkei haben ganz
andere
Probleme als wir. Die Jugend in der Türkei ist politisch viel
aktiver.
Die da drüben sind uns irgendwie eine Spur voraus. Wir können
uns aber
gegenseitig inspirieren, das ist ein Geben und Nehmen. Musikalisch
gesehen, können wir sie beeinflussen. "Cool Savage" kennt dort z.
B.
keiner. Die HipHop - Bewegung hat in der Türkei nicht
stattgefunden,
das ist eine deutsche Bewegung, die jetzt langsam dorthin geht. Es ist
wirklich interessant zu beobachten, wie der HipHop über
Deutschland und
nicht über Amerika in die Türkei gelangt.
Fragesteller 12: Sie haben sich vorhin gegen die
Bezeichnung "Gastarbeiterfilm" gewehrt. Warum machen Sie dann stets
Filme, die sich mit dem interkulturellen Dialog beschäftigen?
Fatih Akin: Was hat denn der interkulturelle
Dialog mit Gastarbeitern zu tun?
Fragesteller 12: Meine Frage bezog sich darauf,
warum
sie diese Thematik des Multikulturellen aufgreifen, wenn diese, also
das Anderssein, angeblich keine Rolle mehr spielt.
Sibel Kikelli: Ich verstehe Ihren Einwand nicht.
Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und fühle mich auch
als Deutsche.
Fatih Akin: Mit der Unterscheidung zwischen
Deutschen
und Türken verzögert man die viel geforderte Integration.
Damit werden
wir ausgeschlossen. Wir sind Deutsche, ob Sie wollen oder nicht. Und,
ob wir wollen oder nicht.
Birol Ünel: Man sollte das Multikulturelle
mal mit
einer gewissen Selbstverständlichkeit betrachten und nicht dauernd
diese Trennung erwähnen. Seit mehreren Generationen gibt es in
diesem
Land verschiedene ethnische Gruppen. Soweit es geht, haben sich diese
integriert. Und das ist ein großes Geschenk an dieses Land, was
auch so
angenommen werden sollte. In Frankreich und Dänemark ist dies
inzwischen selbstverständlich. Man muss das nicht mehr platt
treten.
Ich denke, dass wir in "Gegen die Wand" dieses Thema gut vermittelt
haben. Deswegen wundert es mich umso mehr, dass diese Fragen noch
auftreten. Ich sage immer: Meine Heimat ist dort, wo der Dreck unter
den Füßen ist.
Fragesteller 13: Ich wollte nur sagen, dass ich
"Solino" mochte. Meine Frage: Können Sie etwas zur Zusammenarbeit
mit Birol Ünel sagen?
Fatih Akin: Zu "Solino". Ich habe manchmal den
Eindruck, dass die deutsche Presse nicht weiß, was sie
möchte. Manche
kritisierten mich, weil ich "Solino" gemacht habe, andere kritisieren
mich, weil ich nun "Gegen die Wand" gedreht habe. Ich denke
während des
Drehens und auch vorher über solche Erwartungen nicht nach. Man
muss
sein eigenes Ding machen. "Solino" war mein Film, auch wenn das Skript
nicht von mir stammte. Er war vielleicht der wichtigste Film meiner
Karriere, wichtiger als "Gegen die Wand".
Zu Birol: Seitdem ich im Filmgeschäft bin, wollte ich mit Birol
Ünel
arbeiten. Aus verschiedenen Gründen kam eine Zusammenarbeit lange
nicht
zustande. Ich betrachte sein Mitwirken in "Gegen die Wand" als Geschenk
an mich.
Moderator: Ich bedanke mich bei allen
Beteiligten.
"Gegen die Wand" startet am 11. März 2004 in den bundesdeutschen
Kinos.
Pressekonferenz
vom 12.02.2004
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