Berlinale 2004: Pressekonferenz zu "Gegen die Wand" (12. 02. 04)

"Gegen die Wand" erzählt die ungewöhnliche Liebesgeschichte zweier Menschen, die verzweifelt sind und am Abgrund ihres Lebens stehen. Sie schließen einen Pakt: Um den Ansprüchen und Traditionen ihrer Familie gerecht zu werden, heiratet Sibel (Sibel Kekilli) zum Schein den Draufgänger Cahit (Birol Ünel). Aus dieser Farce wird bald eine ernsthafte Freundschaft, Cahit und Sibel entdecken ihre Gefühle füreinander. Einmal mehr beobachtet Regisseur Fatih Akin ("Kurz und schmerzlos", "Solino") das türkische Milieu in Hamburg. Mit inszenatorischer Leichtigkeit erzählt Akin die Odyssee der beiden Liebenden, deren Weg schließlich nach Istanbul führt. "Gegen die Wand" erhielt auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären. Seit 18 Jahren wurde damit erstmals wieder ein deutscher Film mit diesem Hauptpreis bedacht. Im Folgenden soll die Pressekonferenz zu "Gegen die Wand" wiedergegeben werden, bei welcher die Darsteller, der Regisseur und die beiden Produzenten des Films zugegen waren. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz war der von der "Bild" - Zeitung aufgedeckte Mini - Skandal um Hauptdarstellerin Sibel Kekilli noch nicht bekannt. Wie "Bild" herausfand, wirkte Kekilli vor "Gegen die Wand" in einigen Pornofilmen mit.

Fragesteller 1: Herr Akin, können Sie etwas zum Ablauf der Dreharbeiten sagen?

Fatih Akin: Wir haben chronologisch gedreht. Es gab hierfür verschiedene Gründe. Einer war, weil Sibel Kekilli zum ersten Mal in einem Film auftrat. Wir haben alles Mögliche versucht, ihr entgegen zu kommen. Für jemanden, der das erstmalig macht, ist es so einfacher, sich in eine Rolle einzuarbeiten. So kann man den Ablauf der Charakterentwicklung leichter nachvollziehen. Für mich war das aber auch ganz gut, weil man auf das gedrehte Material wunderbar reagieren konnte. Wenn sich eine Spannungskurve ergeben hat, die abweichend vom Drehbuch war, konnte man der Kurve des Films folgen. Das kann man wesentlich besser, wenn man chronologisch dreht. Das Projekt war ohnehin von viel Freiraum begleitet. Wir versuchten, eine größtmögliche Freiheit bei den Dreharbeiten zu schaffen.

Fragesteller 2: Die Geschichte ist ja sehr detail - und facettenreich. Was wollten Sie unbedingt erzählen?

Fatih Akin: Das Wichtigste war, mit der Erzählform zu experimentieren. Ich mache das gern und fragte mich: Wie kann man anstatt des klassischen Dreiakters Sachen anders erzählen? Für uns war es wichtig, dass sich die Dramaturgie aus den Figuren heraus ergibt. Die Figuren sollten die Dramaturgie bestimmen. Die beiden Hauptfiguren tragen unsere Geschichte.

Fragesteller 3: Im Vorspann hat man gesehen, dass Sie Ihr Geld von verschiedenen Förderinstituten zusammenglauben mussten, ein typisch deutsches Phänomen. Können Sie etwas zur Finanzierung sagen? Das war ja bestimmt nicht leicht, weil erstens das Thema keine leichte Kost ist und zweitens wegen der Mehrsprachigkeit des Films.

Fatih Akin: Ich denke, das ist eine Frage an die Jungs von "Wüste Film" …

Ralph Schwingel: Das war sicherlich ein Sonderfall, weil es sehr einfach war. Fatih hat durch die Stärke des Buchs und des gesamten Projekts sehr viel Vertrauen genossen. Unsere Haltung, den Film in zwei Sprachen - Deutsch und Türkisch - zu drehen, hat beeindruckt. Es gibt also diesbezüglich keine Leidensgeschichte zu erzählen. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Förder - und Sendeanstalten verlief reibungslos. Es gibt aber auch andere Beispiele in der Filmbranche, auch bei Fatih. Zum Beispiel hatten wir bei "Kurz und schmerzlos", Fatihs Debüt, in der Finanzierungsphase wesentlich mehr Probleme.

Fragesteller 4: Inwieweit improvisieren Sie und lassen sich von den Schauspielern während der Dreharbeiten beeinflussen?

Fatih Akin: Erst einmal vorweg: Ich liebe Schauspieler und arbeite sehr gern mit Schauspielern. Für mich ist das einer der Aspekte beim Filmemachen, der mir am meisten Spaß macht. Ich lasse mich auch gern von meinem Schauspielern treiben. Ich bereite vor, so gut ich kann: Ich schreibe das Buch und löse die Kapitel szenisch auf, aber ich reagiere trotzdem auf meine Schauspieler. Man hat es ja mit Menschen zu tun, es sind ja keine Puppen. Mein Prinzip heißt: "Go with the flow". Ich instruiere die Schauspieler, dass sie auf einen bestimmten Punkt hinspielen. Ich erkläre ihnen den Sinn der Szene. Wie sie letztlich an den Punkt gelangen, ist ihnen überlassen. Ich filme sie dann einfach ab. Und ich bin dankbar, dass ich so starke und intelligente Schauspieler habe.

Fragesteller 5 (Anke Engelke): An Fatih: War der Schluss von Anfang an so intendiert? An Sibel: "Go with the flow" klingt interessant. Die Szenen sind aber teilweise ziemlich genau choreographiert. Ein paar Anweisungen vom Regisseur muss es doch gegeben haben? Hat Dich der Film durch die schauspielerischen Erfahrungen verändert? Und an Birol: Warum sprichst Du zwischendurch plötzlich Englisch? War das Deine Idee?

Fatih Akin: Der Schluss war im Großen und Ganzen so geplant, wie man ihn nun im Film sieht. Vor dem eigentlichen Schluss war ursprünglich beabsichtigt, dass die beiden wieder in den Ausgangszustand vom Anfang des Films zurückfallen - also, dass sie wieder beginnen, Alkohol zu trinken und sich mit irgendwelchen Leuten auf der Straße prügeln. Wir waren aber am Ende der Dreharbeiten ziemlich erschöpft. Es waren wirklich anstrengende Dreharbeiten. Dann haben wir uns das so zurecht geschustert, dass wir die neu ausgedachten Szenen im Hotelzimmer drehen konnten. Außerdem hatten die Figuren eine Entwicklung durchgemacht, die nun tatsächlich vom Drehbuch abwich. Deswegen musste etwas verändert werden.

Sibel Kekilli: Ich bin durch den Film, denke ich, reifer geworden. Mit "Gegen die Wand" hat für mich ein neues Leben angefangen.

Fragesteller 5: Birol, the english part in the movie: Why did you do that?

Birol Ünel: Das ist eine Anspielung auf die zweite Generation, also auf die Kinder der türkischen Einwanderer. Für uns, ich gehöre zu dieser zweiten Generation, ist es schwieriger geworden, sich emotional und intellektuell in Türkisch auszudrücken und sich so verständig zu machen wie man es vom Deutschen gewohnt ist. Das haben wir thematisiert. Ich finde es in der angesprochenen Szene richtig, Sprachen zu wechseln und Englisch zu sprechen. Der Wortschatz des Türkischen ist wesentlich limitierter als jener in der ersten Generation. Dieses Sprachkauderwelsch ist sicherlich auch ein Bekenntnis zu einer misslungenen Migrationspolitik.

Fragesteller 6: Herr Akin, was sind Ihre zukünftigen Projekte?

Fatih Akin: Es gibt gleich mehrere Projekte. Normalerweise wusste ich immer, wenn ich einen Film beendete, welchen ich als nächstes drehen würde. Bei "Gegen die Wand" war es das erste Mal, dass ich nicht wusste, was folgen würde. Auf die Schnelle habe ich nun ein paar Sachen geschrieben bzw. in der Entwicklung. Ich plane einen Dokumentarfilm über die Musik, die in "Gegen die Wand" vorkommt, also über die Fusion zwischen westlicher und östlicher Musik. Außerdem schreibe ich gerade an einem Buch, welches von einem Freund von mir, einem Restaurantbesitzer, der momentan in einer Lebenskrise ist, handelt. Der Film wird trotzdem etwas Leichteres, "Soul Kitchen" soll er heißen.

Fragesteller 7: Ich hatte befürchtet, dass "Gegen die Wand" eine routinierte Milieustudie und Gastarbeitergeschichte werden würde. Dies haben Sie eindrucksvoll widerlegt. Hatten Sie ähnliche Befürchtungen vor dem Drehen gehabt? Übrigens, Kompliment: Nach dem eher missglückten "Solino", zu dem Sie ja das Buch nicht selbst geschrieben haben, haben Sie nun die Kraft und gewohnte Stärke, die sich in Ihren anderen Filmen findet, zurück gewonnen.

Fatih Akin: Ich hatte vor ganz anderen Sachen Angst, als denen, die Sie eben angesprochen haben. Das Wort "Gastarbeiter" existiert auch nicht mehr in meinem Wortschatz. Es gibt immer noch zu viele Journalisten, die fragen, ob meine Filme "Gastarbeiterfilme" sind. Das sind altmodische Ansichten, die ins letzte Jahrtausend gehören.

Fragesteller 8: An Fatih: Welche Reaktionen erwarten Sie von der deutschtürkischen Jugend, wenn Sie "Gegen die Wand" sehen? An Sibel: Stimmt es, dass Sie durch diesen Film statt Beamtin jetzt Schauspielerin geworden sind?

Sibel Kekilli: (lacht) Ich war keine Beamtin, sondern Verwaltungsfachangestellte im Heilbronner Rathaus…

Fatih Akin: Die haben gute Leute in Heilbronn. (Lachen im Publikum)

Sibel Kekilli: Als ich entdeckt wurde, hatte ich bereits gekündigt. Ich wollte dort nicht länger arbeiten und dann erhielt ich dieses Filmangebot.

Moderator: Aber Herr Akin, wie kommt man denn ins Heilbronner Rathaus?

Fatih Akin: Ich war nicht in Heilbronn. Meine Casterin hat ein Streetcasting gemacht. Sie hat Sibel in Köln beim Einkaufen angesprochen. Wir haben uns etwas 350 Frauen, die alle keine Schauspielerinnen waren, angeschaut und eine engere Auswahl getroffen. Birol Ünel war beim Casting stets dabei, er stand für die Rolle von Beginn an fest. So probierten wir bei den Tests, welche Frau am besten mit Birol harmoniert. Und Birol/Sibel war einfach das beste Paar.

Moderator: Die erwarteten Reaktionen zu "Gegen die Wand"…

Fatih Akin: Die Reaktionen sind ja in mir drin, weil ich ja selbst Deutschtürke bin. Ich hatte drei verschieden Blickrichtungen auf den Film, der deutsch-deutsche, der deutsch-türkische und der türkisch-türkische. Zwischen diesen drei Blicken wollte ich die größtmögliche Schnittmenge finden. Ich hoffe, dass der Film konservative türkische Familien zum Diskutieren anregt. Ich bin z. B. gespannt, wie meine Eltern den Film finden werden. Das macht mich wirklich sehr nervös. Die verschiedenen Reaktionen kann ich aber nicht voraussagen.

Fragesteller 9: An Sibel: Kann man das Verhalten Ihrer Figur als Aufruf verstehen, sich von dieser Last der Ehre, der Tradition zu befreien?

Sibel Kekilli: Ich denke schon. Ich habe aber das Gefühl, dass meine Generation sich wieder verstärkt auf die Wurzeln und Traditionen zurück besinnt und wieder türkischer wird. Ich hoffe aber, dass die Elterngeneration "Gegen die Wand" als Hinweis und Warnung versteht, was passieren kann, wenn man die Generation der Kinder nicht begleitet und sie nicht unterstützt.

Fragesteller 10: Ist das eine Aufforderung an die Eltern, die Kinder anders zu erziehen?

Fatih Akin: Nein. Definitiv nicht. Was Tradition betrifft, würde ich mich als loyale Opposition bezeichnen. Das heißt, ich akzeptiere Tradition, da sind viele schöne Sachen dabei. Aber sobald es beim Traditionellen dogmatisch wird, muss man sich wehren. Ich hoffe, dass der Film helfen kann, diese Problematik aufzuarbeiten. Ich habe mir aber Mühe gegeben, die Eltern nicht zu denunzieren, sondern respekt- und würdevoll darzustellen. Diese erste Generation ist ja selbst "Opfer" dieser langjährigen Tradition. Sie opponieren ja auch und tragen z. B. meist keine Kopftücher mehr.

Fragesteller 11: Wo leben denn Ihrer Ansicht nach die moderneren, fortschrittlicheren Türken? In Deutschland oder der Türkei?

Fatih Akin: In der Türkei, in Istanbul. Dort befindet sich ja logischerweise die Mehrheit der Türken und es gibt eine permanente Entwicklung. Die Türken in der Türkei haben ganz andere Probleme als wir. Die Jugend in der Türkei ist politisch viel aktiver. Die da drüben sind uns irgendwie eine Spur voraus. Wir können uns aber gegenseitig inspirieren, das ist ein Geben und Nehmen. Musikalisch gesehen, können wir sie beeinflussen. "Cool Savage" kennt dort z. B. keiner. Die HipHop - Bewegung hat in der Türkei nicht stattgefunden, das ist eine deutsche Bewegung, die jetzt langsam dorthin geht. Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie der HipHop über Deutschland und nicht über Amerika in die Türkei gelangt.

Fragesteller 12: Sie haben sich vorhin gegen die Bezeichnung "Gastarbeiterfilm" gewehrt. Warum machen Sie dann stets Filme, die sich mit dem interkulturellen Dialog beschäftigen?

Fatih Akin: Was hat denn der interkulturelle Dialog mit Gastarbeitern zu tun?

Fragesteller 12: Meine Frage bezog sich darauf, warum sie diese Thematik des Multikulturellen aufgreifen, wenn diese, also das Anderssein, angeblich keine Rolle mehr spielt.

Sibel Kikelli: Ich verstehe Ihren Einwand nicht. Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und fühle mich auch als Deutsche.

Fatih Akin: Mit der Unterscheidung zwischen Deutschen und Türken verzögert man die viel geforderte Integration. Damit werden wir ausgeschlossen. Wir sind Deutsche, ob Sie wollen oder nicht. Und, ob wir wollen oder nicht.

Birol Ünel: Man sollte das Multikulturelle mal mit einer gewissen Selbstverständlichkeit betrachten und nicht dauernd diese Trennung erwähnen. Seit mehreren Generationen gibt es in diesem Land verschiedene ethnische Gruppen. Soweit es geht, haben sich diese integriert. Und das ist ein großes Geschenk an dieses Land, was auch so angenommen werden sollte. In Frankreich und Dänemark ist dies inzwischen selbstverständlich. Man muss das nicht mehr platt treten. Ich denke, dass wir in "Gegen die Wand" dieses Thema gut vermittelt haben. Deswegen wundert es mich umso mehr, dass diese Fragen noch auftreten. Ich sage immer: Meine Heimat ist dort, wo der Dreck unter den Füßen ist.

Fragesteller 13: Ich wollte nur sagen, dass ich "Solino" mochte. Meine Frage: Können Sie etwas zur Zusammenarbeit mit Birol Ünel sagen?

Fatih Akin: Zu "Solino". Ich habe manchmal den Eindruck, dass die deutsche Presse nicht weiß, was sie möchte. Manche kritisierten mich, weil ich "Solino" gemacht habe, andere kritisieren mich, weil ich nun "Gegen die Wand" gedreht habe. Ich denke während des Drehens und auch vorher über solche Erwartungen nicht nach. Man muss sein eigenes Ding machen. "Solino" war mein Film, auch wenn das Skript nicht von mir stammte. Er war vielleicht der wichtigste Film meiner Karriere, wichtiger als "Gegen die Wand". Zu Birol: Seitdem ich im Filmgeschäft bin, wollte ich mit Birol Ünel arbeiten. Aus verschiedenen Gründen kam eine Zusammenarbeit lange nicht zustande. Ich betrachte sein Mitwirken in "Gegen die Wand" als Geschenk an mich.

Moderator: Ich bedanke mich bei allen Beteiligten.


"Gegen die Wand" startet am 11. März 2004 in den bundesdeutschen Kinos.


Pressekonferenz vom 12.02.2004