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29.11.04 |
Der steinige Weg zur
persönlichen Freiheit: Schauspielerin Sibel Kekilli über
Islam, Integration und Identität.
Mit Kekilli sprachen
Kerstin Holzer und Kayhan Özgenc.
FOCUS:
Frau Kekilli, während die meisten Jungstars vollauf damit
beschäftigt
sind, ihre Karriere voranzutreiben, wollen Sie sich künftig auch
für
die Rechte der Frauen einsetzen. Sehen Sie sich als Kämpferin in
Sachen
Emanzipation und Integration?
Kekilli: Ich habe mich um
diese Rolle nicht beworben. Aber ich habe es geschafft, mir eine
gewisse Freiheit zu erkämpfen, und es ehrt mich, dass ich für
viele
türkische Mädchen so etwas wie ein Vorbild geworden bin.
Diesen Mädchen
möchte ich Mut machen: Lebt euer Leben! Jeder hat das Recht darauf.
FOCUS:
Die aktuelle Islam-Debatte um Parallelwelten, Zwangsheiraten und
Ehrenmorde zeigt, dass der Preis für persönliche Freiheit
sehr hoch
sein kann. Sie selbst wurden von Ihrer Familie verstoßen.
Kekilli:
Wir haben keinen Kontakt, und wir brauchen auch noch Abstand. Sicher
beschäftigt mich das Thema auch deswegen, aber ganz allgemein war
die
Debatte doch längst fällig! In vielen muslimischen Familien
dient die
buchstabengetreue Auslegung des Koran als Alibi für
Unterdrückung von
Frauen. Es herrscht eine scheinheilige Moral, die die Mädchen
einsperrt
und den Jungen alle Freiheiten lässt. Der Druck in vielen
türkischen
Familien ist unbeschreiblich groß, da wissen alle Bescheid, und
alle
kontrollieren, und man hört immer wieder von Mädchen, die
sich
verstecken müssen.
Es stimmt: Wer frei sein will, muss mit der
Familie brechen oder fliehen. So hoch darf der Preis nicht sein. Ich
weiß, dass ein Widerstand, dass ein Kampf für das eigene
Leben sehr
schwer sein kann. Denn die Familie kann Widerstand wirkungsvoller
aushöhlen als das Meer einen Felsen. Deshalb muss man den
Mädchen
helfen.
FOCUS: Wie soll das geschehen?
Kekilli:
Ich persönlich setze mich für die Organisation Terre des
femmes ein und
habe dem ältesten Hamburger Frauenhaus meine Unterstützung
angeboten,
denn es soll aus Geldmangel geschlossen werden.
Aber ich finde,
von deutscher Seite darf auch nicht weggeguckt werden. Es fängt im
Kleinen an: Deutsche Gerichte fällten Urteile, dass muslimische
Mädchen
wegen der Religion ihrer Eltern nicht zum Sport und auf Klassenfahrten
durften. Was ist denn das für eine Toleranz, die auf Kosten der
Mädchen
geht?
FOCUS: Entspringt Ihr Gerechtigkeitsgefühl
Ihrer persönlichen Rebellion?
Kekilli:
Ich habe es selbst nicht immer leicht gehabt, und ich kenne das,
wogegen ich kämpfe. Ich durfte als Tochter relativ moderner
muslimischer Eltern zwar ins Freibad, aber ich sollte kein Abitur
machen, obwohl ich gern Jura oder Medizin studiert hätte und
obwohl ich
eine der Besten in der zehnten Klasse war. Ich durfte keinen
Motorradführerschein machen. Ich durfte keinen Freund haben.
FOCUS: Wie weit geht bei Ihnen der Bruch mit muslimischen
Traditionen?
Kekilli:
Ich bin Deutsche mit türkischen Wurzeln, die ich gar nicht
verleugnen
will. Ich habe aber völlig meinen Glauben verloren, obwohl ich als
Kind
36 Gebete auf Arabisch auswendig konnte und fasziniert vom Islam war.
Ich wollte sogar völlig verschleiert sein. Das war selbst meiner
Mutter, die kein Kopftuch trug, zu viel. Heute lese ich viel über
alle
Glaubensrichtungen, um mich zu informieren. Bei vielen Religionen
werden Männer den Frauen vorgezogen.
FOCUS: Derzeit glauben viele, Multikulti sei in
Deutschland gescheitert. Was meinen Sie?
Kekilli:
Im Moment scheinen beide Kulturen nebeneinander her zu leben, und wer
sich anzupassen versucht, sitzt letztlich zwischen den Stühlen.
Beide
Seiten machen Fehler: Die Deutschen haben die Türken nicht so
richtig
aufgenommen, und die Türken schotten sich ab. Gerade die dritte
Generation hier zieht sich wieder total in die eigenen Kreise
zurück.
Sie fühlen sich ausgegrenzt. Da kapselt man sich eben ab, auch
wenn es
verkehrt ist.
FOCUS: Haben Sie selbst Ausgrenzung erlebt?
Kekilli:
Es gibt so eine besondere Art von positivem Rassismus bei manchen
Deutschen. Es ärgert mich, wenn man mir nett sagt: „Sie sprechen
aber
gut Deutsch.“ Klar, ich bin ja Deutsche und hier geboren! Ich will
nicht gefragt werden, ob ich irgendwann „in mein Land“
zurückwolle.
Welches Land denn? Ich bin kein Gast. Das ist auch mein Zuhause.
FOCUS: Deutsche Politiker denken derzeit über bessere
Integration nach. Verfolgen Sie die Vorschläge?
Kekilli:
Natürlich, ich interessiere mich sehr für Politik und habe
mir schon
mit 16 Jahren in meinem Heimatort Heilbronn bei Wahlauftritten alle
Politiker von Helmut Kohl bis Cem Özdemir angehört. Die
Politiker
müssen unbedingt klar machen, dass ein Nebeneinander nicht geht.
Es
wäre wichtig, dass hier lebende Türken Deutsch sprechen, dann
wäre eine
viel bessere Kommunikation möglich.
FOCUS: Glauben Sie, dass sich türkische Familien
öffnen?
Kekilli:
Ich hoffe es. Es fängt in den Köpfen an, bei der Erziehung
und der
Bildung ihrer Kinder. Dann kann auch keiner mehr den Islam als Alibi
für Gewalt missbrauchen.