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Ich habe einen Traum
Sibel Kekilli
»Ich spüre mein eigenes Gewicht nicht mehr und kann Dinge tun, die mir draußen, an Land, unmöglich sind. Unter Wasser kann man fliegen«


Mein Name Sibel kommt aus dem Türkischen und heißt auf Deutsch übersetzt »Regentropfen im freien Fall«. Auch mein Traum hat mit Wasser zu tun. Ich träume davon, unter Wasser leben zu können, dort atmen, klar sehen, riechen, hören, schmecken und fühlen zu können. Den ganzen Tag durch das Wasser gleiten. Untertauchen. Mit dem Wasser eins sein.

Ich schlafe nicht mehr, weder bei Tag noch bei Nacht. Ich will nichts verpassen, will diese unglaubliche Schönheit unter Wasser aufsaugen: Die vielen Farben, Gelb, Rot, Lila, Grün, Blau, Braun. Die Tiere, die überall schwimmen und kriechen, die Pflanzen, die sich im Rhythmus der Wellen hin- und herwiegen. Ich will am Boden den weichen Sand zwischen den Zehen spüren. Die warmen Sonnenstrahlen auffangen, die durch das Wasser hindurchleuchten. Oder nachts das Mondlicht durch die Wellen beobachten. Die Regentropfen, die sanft auf die Wasseroberfläche klopfen wie Musik.

Wenn ich das alles einmal erleben dürfte, dann könnte ich in Frieden sterben, ohne Angst. Das ist der Traum, aus dem ich nie mehr aufwachen wollte.

Ich liebe das Bild von Haaren unter Wasser, schön wie eine Zeitlupe im Film. Ist es nicht faszinierend, wie der Mensch unter Wasser schwebt? Diese Leichtigkeit, diese Geschmeidigkeit. Das Wasser streichelt die Haut, sodass es aussieht, als hätten wir keine Knochen. Ich spüre mein eigenes Gewicht nicht mehr und kann Dinge tun, die mir draußen, an Land, unmöglich sind.

Wir Menschen können nicht fliegen, deswegen träumen wir davon. Ich finde, unter Wasser kann man fliegen.

Unter Wasser bin ich kein Fisch, kein Tier, sondern ein Mensch, der in dieser Welt für immer Gast sein darf. Das ist eine große Ehre, deshalb ist es selbstverständlich für mich, dass ich mich ihren Lebensbedingungen anpasse und ihre Sprache erlerne. Ich zeige meine Freude mit Blicken, mit Lauten oder durch meine Körpersprache. Wie schön, endlich mal nicht sprechen zu müssen. Ich verstehe mich mit allen gut, ich bin keine Gefahr für sie. Ich gehöre ja zu ihnen, obwohl ich eine Frau bleibe.

Der Wunsch, nicht aufzufallen, zieht sich durch mein Leben, in dem ich immer anders war als andere. Ich gehöre zwei sehr unterschiedlichen Kulturen an, fühle mich aber weder in der deutschen noch in der türkischen völlig zu Hause. Ich habe mich nie so gekleidet, dass ich aus der Masse herausgestochen wäre. Das Spannende daran ist: Wenn keiner guckt, kann man im Verborgenen Dinge tun, die man von Herzen tun will, und dabei Grenzen überschreiten.



Unter Wasser gehöre ich wieder ganz mir, so wie früher. Keine Kreatur kennt mich. Das tut gut. Denn sosehr ich den Erfolg genieße, gibt es Momente, in denen ich unerkannt bleiben möchte. In solchen Momenten gehe ich heute getarnt auf die Straße, um mich hinter einem Schutzschild zu verstecken.

In meinem Traum trage ich wie die Fische nur meine Haut zur Schau. Ich werde aber nicht als nackt wahrgenommen, weil es unter Wasser völlig normal ist, ohne Kleider zu sein.

Das Unterwasserleben ist wie Hypnose, wie Trance. Man schaltet ab und genießt nur noch. So wie im Tanz. Beim Tanzen bin ich für Stunden mit meiner Seele ganz weit weg. Unerreichbar. Ich spüre mich ganz intensiv, von den Haarspitzen bis zu den Zehen, aber gleichzeitig lasse ich alles hinter mir. Ich lebe nur noch im Augenblick.

Ich war schon immer eine Einzelgängerin. Vielleicht oder gerade weil ich aus einer großen Familie mit vielen Geschwistern komme. Ab und zu muss ich völlig abschalten können und kann keine Menschen um mich herum haben, manchmal sogar für mehrere Tage, bis ich das Gefühl habe, alles ist wieder ruhig und entspannt.

Wir bestehen zu 80 Prozent aus Wasser. Vom allerersten Moment an hängt unser Leben vom Wasser ab. Schon als Embryo schwimmen wir. Eine Geburt beginnt, wenn die Fruchtblase platzt. Menschen nehmen sich das Leben, indem sie ins Wasser gehen. Menschen verdursten, bevor sie verhungern. Und wenn wir sterben, trocknet unser Körper aus, und alles Wasser entweicht.

Natürlich birgt das Wasser seine Gefahren. Je tiefer man taucht, desto dunkler, kälter und gefährlicher wird es. Möglicherweise habe ich deshalb so viel Angst, so viel Respekt vor der Macht des Meeres und des Wassers. Ich habe erst in der dritten Klasse schwimmen gelernt und hatte vorher nie ein Schwimmbad von innen gesehen. Heute gehe ich im Meer nur schwimmen, wenn ich den Boden sehe und meinen Kopf im Stehen noch über Wasser halten kann.



Ich habe Angst, dass ich ertrinken könnte. Aber wenn ich unter Wasser lebe, kann mir das nicht passieren. Die Fische würden mich immer und überall beschützen und ich sie. Auch Raubfische, die sich perfekt tarnen können, bedrohen mich dann nicht mehr. Denn vor der Gefahr kann ich fliehen. Ich hätte Füße wie Flossen, mit denen ich pfeilschnell durchs Wasser schießen könnte.

Die Tiefe, vor der ich am meisten Angst habe, gibt mir in meinem Traum das größte Vertrauen. Hier ist mein Leben. Mich hat schon immer das, wovor ich am meisten Respekt hatte, am meisten angezogen. Einerseits liebe ich das Risiko, andererseits habe ich nie geraucht, keine einzige Zigarette, keinen Joint. Ich war noch nie betrunken. Ich beschwere mich über laute Musik. Die meisten Jugendlichen würden mich hassen, weil ich so eine Spießerin bin. Unter Wasser interessiert das keinen.

Mein Leben war schon immer schnell. Schon vor dem Erfolg von Gegen die Wand  hatte mein Leben ein ungeheures Tempo. Als Kind war ich extrem. Da hab ich Dinge getestet, die andere erst mit 13, 14 ausprobiert haben. Dafür war ich aber später, als ich in die Pubertät kam, umso kindlicher und bin meine eigenen Wege gegangen. Heute empfinde ich ein normales Tempo als langweilig. Unter Wasser gäbe es für mich keine Langeweile.

Bruce Lee hat mal gesagt: »Sei wie Wasser.« Was für ein wunderschöner Satz. Wasser passt sich jeder Form an. Mal ist es weich wie Watte, als ob Wind zart über die Haut streichelt, aber es kann auch hart wie Beton sein, wenn man aus großer Höhe darauf aufschlägt.

Es gab mal eine Zeit, in der ich versucht habe, es allen recht zu machen. Aber dann stellte ich fest: Je mehr ich mich nach anderen richtete, desto stärker wurde ihre Ablehnung. Heute weiß ich, dass es reine Kraftverschwendung war.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo




(c) DIE ZEIT 17.06.2004 Nr.26



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