
Thierse
und Kerner
setzten sich das letzte Mal sogar noch an die Bar und tranken etwas
zusammen. Wenn das am Samstag nun auch in so einer ungezwungenen
Atmosphäre stattfindet ... ich werd' nicht mehr...
Es ist ja
schön, wenn man viel Zeit hat, sich gedanklich auf so
eine Veranstaltung vorzubereiten. Andererseits ist es auch schrecklich
belastend, was einem da alles durch den Kopf schießt. Neben Sibel
würde ich auch gern ihre Managerin mal ansprechen und sie etwas
fragen. Vielleicht ist auch Sibels Freund da. Jetzt, wo ich weiß,
wie er heißt und wie er aussieht, wäre es auch nicht
verkehrt, sich kurz vorzustellen, damit er weiß, dass kein
völlig Kranker die Fan-Website für Sibel macht (muss ich halt
ein wenig schauspielern ;-)). Also, was sage ich jetzt wem wie am
besten
und wieso? 100 Fragen an mich, ständig gestellt über Tage. Am
wenigsten Sorgen machte ich mir wegen Christian Ulmen, den ich
grüßen sollte. Ich gestehe hier nämlich freimütig,
dass Christian für mich gar kein richtiger Promi ist. Ich kenne
von ihm nämlich nichts, aber auch rein gar nichts. "Herr Lehmann"
sowieso schon nicht, aber auch nichts von MTV, keinen Auftritt bei
Harald Schmidt, nichts. Aber er soll Humor haben. Das ist schonmal
nicht verkehrt. Doch, etwas kenne ich von ihm schon: "Seine" offizielle
Fan-Seite www.christian-ulmen.de.
Die
Nervosität stieg. Nun haben wir schon Mittwoch. Wie es der
Zufall wollte, war ich mit einer Kumpeline abends zum Kino verabredet.
Der Film hieß "Gegen die Wand". Kommt mir inzwischen schon
bekannt vor. Es ist schon interessant, was man durch diesen Film
für Kinos kennen lernt, denn die Kinos, in denen er läuft,
werden immer kleiner. Dass wir beide allein im Kino waren, finde ich
inzwischen schon fast normal. Aber dieses Kino ... auf der Treppe
roch's nach Pisse, der Sesselstoff war teilweise zerschnitten,
das Bild war zu dunkel, teilweise unscharf, der Ton war schlecht, die
Filmrollen mussten manuell gewechselt werden. Trotzdem habe ich den
Film genossen und Ramona war beeindruckt. Bezüglich Samstag meinte
sie: "Nach einem Film hat Sibel doch noch keine Starallüren. Da
geht sie nach der Aufführung bestimmt mit dir was trinken." Sie
hat eine liebreizende Art, mich zu verarschen. Von wegen trinken gehen.
Während des Filmes wurde Sibel für mich immer
größer und größer. Als sie dann schließlich
Universumgröße erreicht hatte, knallte es in meinem Kopf und
ich sagte mir: "Es reicht! Wenn du dich vorher fertig machst, geht
Samstag alles in die Hose, und damit ist nicht das Angenehme gemeint.
Geh hin, und was klappt, klappt, was nicht klappt, klappt das
nächste Mal. Basta."
Nun ist es
tatsächlich schon Freitag. Ich könnte doch
wenigstens mal hinfahren und erkunden, ob es eine Probe gibt. Ich
machte mich also wieder auf den Weg zur Volksbühne. Um die
Spannung noch zu erhöhen, eine kleine Anekdote am Rande:
Ich bekomme
nicht nur haufenweise Viren- und Wurmmails, sondern manche
enthalten sogar Text, teilweise von der übelsten Sorte. Die
deutschen kann ich oft gleich löschen, die türkischen Mails
verstehe ich ja nicht. Die ersten beiden hatte ich gleich an Sibel
weitergeleitet, doch dann fiel mir ein, ich muss ihr ja keinen Schrott
schicken, also kann ich mir das ja übersetzen lassen (auf die Idee
mit der Internet - Übersetzungsmaschine war ich noch nicht
gekommen,
kann ich bei Gelegenheit ja mal ausprobieren. Es macht mir aber,
ehrlich
gesagt, mehr Spaß, mir das von einer netten Person
übersetzen zu lassen,
und außerdem kann ich so gleich etwas Werbung für meine
Website machen). Ich fragte also auf dem Weg zur Volksbühne bei
MacDonald's die nette Bedienung, ob sie mir bitte den türkischen
Satz übersetzen würde. Sie las ihn sich durch. "Ist aber
etwas peinlich." - "Ach bitte." - "Gut. Wenn du mit mir ... (sie sucht
nach einem harmlosen Wort) ... schläfst, gebe ich dir 50 Cent." -
"50 Cent ??!?" - "Ja, 50
Cent." Ihr Kollege lachte vor sich hin. Hey, ich dachte zuerst, die
Email sei vielleicht für Sibel gedacht gewesen. Aber bei diesem
Gebot war sie sicher doch für mich. Danke. Nur kann ich sie nicht
beantworten, weil sie von einem Internetcafe kam. Immerhin hat der
Absender einer MacDonald's -Filiale und mir gute Laune gebracht.
Es ist also
Freitag, der 11.06.2004, und ich stehe wieder vor der
Volksbühne. Der Eingang zum Roten Salon ist offen. Ich gehe also
hinein, schleiche mich die Treppe hoch. Huuuuuuhhhhh .....
huuuuuuuuuuuuuhhhh, das ist ja hier wie in einem Spukschloss! Auch der
Saal oben ist offen, ich höre Stimmen. Gespenster? Nein, da sitzen
2 nette Typen auf dem Sofa. Ich gehe rein. Oh Mann, ist der Saal klein!
Der ist ja noch kleiner als in der Kulturbrauerei. "Findet für
Lesungen, z.B. die morgen Abend, eine Probe statt?" - "Normalerweise
nicht. Die gucken hier bloß rein, wie die Bühne aussieht und
wie die Sitzreihen sind." - "Und wie werden die Sitzreihen?" Noch ist
der Saal leer. "Es wird Sitzreihen bis fast zur Bühne geben." Bis
fast zur Bühne. Ich gucke nach vorne. Sibel oben auf der
Bühne, ich 2 Meter davor in der ersten Reihe. Huch... hui...
Zuerst erschreckt mich diese Vorstellung, aber nach ein paar Minuten
fange ich an, mich total auf den nächsten Abend zu freuen. Die
Chance, mit ihr ein
paar Worte zu wechseln, ist so groß wie nie und wird wohl so
schnell nicht mehr so groß werden. Wahnsinn.
Ich wache am
12.06.2004 auf und fühle mich wie ausgekotzt. Super,
das passt ja. Nach einer Kopfschmerztablette wird's besser. Ich esse in
meinem Stammlokal "Don Pancho" Mittag. Zum ersten Mal fragt mich die
nette Bedienung: "Na, wie geht es Ihnen?" - Ach, wenn ich den Abend
doch schon hinter mir hätte.
Am Nachmittag
bin ich an der Volksbühne. Die Frage des Tages:
Nebeneingang zum Salon oder Bühneneingang? Wo soll ich warten, um
Sibel vielleicht vorher schon kurz "hallo" zu sagen? Ich weiß ja
nicht, ob sie vorher in den Salon kommt, oder ob es so ist wie bei
Thierse, dass die Akteure den Saal erst zum Veranstaltungsbeginn
betreten. Ich gehe an den Bühneneingang zum Pförtner. Ein
sehr netter bulgarischer Mann. Als er mich kommen sieht, steht er auf,
hält mir seine Hand hin. Denkt er, ich bin Bratt Pitt oder was?
"Ist der Bühneneingang nur für die Volksbühne oder auch
für den Roten Salon?" Er meint, es sei alles bereits organisiert,
Frau ... wisse bescheid, die Akteure treffen sich hier und gehen dann
zur Stärkung in die Kantine. Aha. Auch als ich ihm dann sage, ich
sei
kein Akteur, sondern Fan, ändert sich seine Freundlichkeit
keineswegs, sondern er erzählt nun, wen er alles im Laufe seiner
Tätigkeit am Eingang schon so gesehen hat. Ich war hinterher
richtig gerührt. Also behalte ich den Bühneneingang im Auge.
Gegen 19.00 Uhr
fing ich an, mich auch ein wenig zu dem "normalen"
Eingang hin zu orientieren. Die Wahrscheinlichkeit war zwar sehr klein,
aber ich wollte nun auch nicht, dass sich dort schon welche vor dem
Einlass hinstellen und mir den besten Platz wegschnappen. Ein
Kamerateam stand da. "Sind Sie vom Fernsehen?" - "Ja." - "Und Sie
machen einen Bericht über diese Lesung?" - "Ja." - "Von welchem
Sender sind Sie?" - "ARD" - "Ach, da gibt es in der Abendschau etwas
drüber?" - "Nein. Wir machen eher was für Polylux." ?
"Wann wird das denn gesendet?" - "Am übernächsten Montag." -
"Und wie heißt die Sendung?" - "Na Polylux." - "Polylux?" - "Ja,
Polylux." - "Kenn ich nicht." - "Ja, das läuft auch ziemlich
spät." - "Nun merke ich es mir." Also: Montag, 21.06.2004, 0.00
Uhr: P O L Y L U X !
Es ist gegen
19.20 Uhr. Zurück zum Pförtner. "Ist denn noch
niemand da?" - "Nein, ist noch zu früh." Ich gucke bei ihm
Portugal gegen Griechenland, es steht 0:2. Er informiert mich über
die politische Weltlage im Allgemeinen und über die Intelligenz
von
Stalin im Besonderen. 19.45 Uhr. "Ist denn echt noch nicht einmal der
Autor da?" - "Na ja, kann sein, dass sie heute vorne hineingehen."
Toll. Aber egal, war trotzdem nett. Nun warte ich vorne auf den
Einlass, der sich um ca. 15 min. verzögert. Es wird wohl oben noch
ein Interview geführt. Hoffentlich mit Sibel für Polylux.
Polylux fand ich ja schon immer gut ;-)
Es stehen jetzt
ca. 15 Leute vor dem Eingang. Einlass. Ich bin oben der
Zweite. Doch der Typ vor mir hat noch keine Karte. Also betrete ich
tatsächlich als Erster den Salon. Tja, von wegen 2 Meter entfernt
von Sibel: Die ersten 4 Reihen sind reserviert. Also Reihe 5. Mitte
oder Rand? Vom Rand aus könnte man auch mal nach vorne gehen, also
rechter Rand. Ich warte. Es dauert nur wenige Minuten, bis Sibel mit
Christian Ulmen den Salon betritt. Sie schaut zur Bühne. Es sieht
so aus, als wäre sie doch noch nicht hier gewesen. Nun machte ich
etwas, was mich im Nachhinein selber wundert: Ich nahm etwas aus meinem
Rucksack, stand auf und ging hin. Ohne nachzudenken. Vollautomatisch
sozusagen. Es wäre auch nicht anders gegangen. Ich hätte
sonst 100
Gründe gefunden, es nicht zu tun, zumal sich die beiden bereits
mit einer Frau an der Bar unterhielten.
Etwas
Grundsätzliches noch: Es war der erste Tag, an dem ich mit
Sibel
ein paar Worte wechseln durfte. Ich kann ihre Worte nicht
veröffentlichen, denn ich wünsche mir, dass sie zu mir immer
sagt, was sie denkt, ohne befürchten zu müssen, ich schreibe
das hier. Sonst müsste ich stets abklären, was erzählt
werden darf und was nicht, und das wäre mir zu kompliziert. Darum
habe ich mich für diesen Weg entschieden.
Ich stellte mich also
bei Sibel vor und hätte fast Christian Ulmen
daneben
vergessen. Ich kann mich an die Worte noch erinnern, aber an nichts
weiter. Ich weiß nicht mehr, was ich dachte, ich weiß nicht
mehr, ob ich überhaupt freundlich war, ich habe da irgendwie meine
Gefühle ausschalten müssen. Ich stellte mich dann bei
Christian vor, und wir quatschten auch kurz.
Später setzten
sich Sibel und Christian ganz rechts vor die
Bühne auf
Sessel und Couch. Ich konnte mir ja vorher überlegen, ob ich heute
endlich mein Autogramm bekommen will oder besser ein Foto. Ich
wünschte mir heute unbedingt ein Foto, am liebsten mit Sibel und
mir, aber ich wollte dann doch weder Sibel noch Christian bitten,
deswegen aufzustehen. So konnte ich die beiden 2-mal fotografieren.
Nach dem ersten Foto sagte ich gleich "Ich mach noch eins", wo
Christian sofort zustimmte, als wenn er wusste, wie das Foto aussieht.
Das folgende ist bereits das bessere zweite Foto.

Der
schönste Moment des Abends und überhaupt der letzten
Monate,
in denen ich Sibel "kenne", war dann, als sie ein paar Minuten
später noch kurz zu mir (!) an den Platz kam. Ich hatte zwar etwas
"nachgeholfen", aber sie hätte es trotzdem nicht machen
müssen, und das war echt eine super nette Geste! Danach hätte
ich eigentlich schon nach Hause gehen können, denn ich war schon
total happy.
Die reservierten
Plätze wurden dann freigemacht. Ich saß
bald also
tatsächlich in der ersten Reihe.
Zur Lesung selbst kann
ich sagen, dass ich die Idee von Moritz von
Uslar mit den
100 schnellen Fragen echt gut finde. Er interviewte zuerst George
Clooney, gesprochen von Maxim Biller, dann Angela Merkel, gesprochen
von Sibel Kekilli, dann Lemmy Kilmister von Motörhead, gesprochen
von Christian Ulmen. Das Ganze dauerte eine gute Stunde. Jetzt muss ich
auch dann an Sibel denken, wenn ich ein Plakat mit dem Gesicht von
Angela Merkel sehe.... Einerseits wäre es besser gewesen, Sibel
hätte den Text einmal richtig geprobt, denn bei einigen Begriffen,
die ihr anscheinend nicht so geläufig waren, lag sie in der
Betonung daneben. Andererseits hat das aber mit Sicherheit niemanden
gestört - mich am allerwenigsten. Von mir aus könnte sie jede
Woche so eine Lesung machen. Sie hat sich da echt gut
durchgekämpft.
Ich möchte euch
die kleine Fotogalerie nicht vorenthalten, auch
wenn ich, ehrlich
gesagt, meinen Fotoapparat teilweise nicht so ganz verstehe. Ich
weiß nicht, wo er sein Problem hatte, denn die Entfernung auch
bei den letzten Fotos war eigentlich für den Blitz schaffbar, und
wieso es rote Augen bei
eingeschaltetem Rote-Augen-Filter gibt - keine Ahnung. Aber besser als
nichts.


Maxim
Biller, Moritz von Uslar

Peter
Richter



Nach
der Lesung zog ich recht fix von dannen. Ich
saß nun
einfach zu nahe an den
Akteuren dran, so dass ich mir wie ein Gaffer und Belauscher
vorgekommen wäre.
Zu Sibel noch
Folgendes: Ich konnte sie recht gut beobachten und sehen,
wie sie den
Menschen um sie herum gegenüber tritt. Ihre liebe Art und ihr
Lächeln haben mich sehr beeindruckt. Sie ist nicht nur die
Königin der wechselnden Frisuren, sondern auch - dies
ausnahmsweise etwas respektlos, aber voller Sympathie gesagt -
eine total süße Strahlemaus.