16.04.2004 - Mein erster Tag „mit“ Sibel




Einige Worte vorneweg: Ich habe diesen Tag bewusst ausführlichst geschildert, mit der Gefahr, den Leser mit Banalitäten zu langweilen. Darum: Wer sich für solche „Erlebnisberichte“, die dazu noch ohne Ergebnis enden, nicht sonderlich interessiert, clickt bitte weiter. Das hier ist mehr für Hardcore-Fans, egal von wem, die meine Gefühle teilen, wie es ist, wenn man den verehrten Promi mal in natura sehen kann. Außerdem bitte ich zu berücksichtigen, dass ich sowas noch nie gemacht habe und deshalb den ganzen Tag sehr nervös und etwas unbeholfen war. Vielleicht war ich auch etwas nervös und sehr unbeholfen.

Es ist der 16.04.2004, 2.00 Uhr morgens. Ich komme nach Hause, bin etwas frustriert, gehe ins Internet. Ich schaue regelmäßig auf www.kekilli.de nach, ob es etwas Neues über Sibel gibt (Dank an Oliver Müller), doch seit vielen Tagen passierte da gar nichts. Plötzlich lese ich „Nominierungsgala für Deutschen Filmpreis mit Sibel Kekilli.“. Ich schaute in den Artikel. Wann? Heute. Wo? In Berlin! Hilfe. Ich muss sie sehen. Aber wie? Es stand nicht da, wo die Gala ist, und ich wollte das auch nicht mitten in der Nacht recherchieren. Natürlich konnte ich kaum einschlafen, ich war elektrisiert.

Am Morgen nun nochmal die Frage: Wo ist die Gala? Im Internet steht es nirgends, in den Tageszeitungen noch weniger. Was ich fand, war aber der Bericht von vorigem Jahr. Hotel Adlon. Gleich angerufen. „Heute findet doch diese Nominierungsgala für den deutschen Filmpreis in Berlin statt. Letztes Jahr war das ja bei Ihnen. Ist es dieses Jahr wieder so?“ - „Ja.“ „Ach!“ „Ja, Ach!“ (dazu muss ich sagen, die Frau war supernett.). „Nee, ich bin nur echt beglückt, denn im Internet steht das nirgendwo. Wann geht es denn los?“ - „19 Uhr“. „Geht da die Veranstaltung los oder kommen die Promis dann an?“ - „Um 19 Uhr geht die Veranstaltung los.“ Na immerhin. Noch schöner wäre es aber, ich könnte sie schon irgendwie erwischen, wenn sie nach Berlin kommt. Die Wahrscheinlichkeit ist natürlich klein, aber ehe ich zuhause rumsitze, kann ich sie auch suchen. Am besten, ich pendel immer von Flughafen Tegel und Bahnhof Zoo hin und her. Nun stelle ich im Internet fest, dass es gar keine Flüge mehr von Hamburg nach Berlin gibt. Wie schön! Dann wird sie wohl - wenn nicht mit dem Auto - mit dem Zug kommen. Man kann, wenn man zum Adlon will, auch Ostbahnhof aussteigen, und überhaupt: Ich habe ja gar keine Ahnung, in welchem Hotel sie wohnt. Also: Bahnhof Zoo die Aussteigenden durchchecken, dann den Zug 1. Klasse, falls sie bis Ostbahnhof weiterfährt.

13.30 Uhr begann also der erste Teil meiner Autogrammbemühungen. Ich nahm meinen Fotoapparat, das Buch „Gegen die Wand“ für Autogramme und das Buch „In guten und in schlechten Tagen“ von Susanne Juhnke zum Zeitvertreib, setzte mich in die U-Bahn und fuhr zum Bahnhof Zoo. 14.12 Uhr sollte der erste nach meinem Empfinden mögliche Sibel-Zug kommen, der zweite eine gute Stunde später, der nächste 16.15 Uhr. Um es hier kurz zu machen: Das war nix. Keine Sibel da. Ich fuhr mit dem 100er Bus zum Hotel Adlon. Die Sonne knallte, der Bus stand im Stau.

Als ich gegen 16.50 Uhr das Hotel Adlon erreichte, war da noch gar nichts los. Normaler Touri-Verkehr. Hotel-Bedienstete fingen gerade an, den roten Teppich auszurollen und den Eingang abzusperren. Ich konnte mir nun in aller Ruhe den „besten“ Platz aussuchen, doch wo war der? Ich entschied mich für einen Platz in der Nähe des Einganges, von der Straße weg, die Sonne im Rücken. Wegen der Absperrung sammelten sich langsam Menschen an. Kaum einer wusste, was hier eigentlich passieren wird. Unzählige Male hörte ich „Auf wen oder was wird denn hier gewartet?“ Es erschienen nun einige Promis, wenn diese auch wenig mit dem Film zu tun hatten, BDI-Präsident Rogowski zum Beispiel. „Das Zimmer aber schön selbst bezahlen, da passen wir jetzt auf!“ wollte ich ihm in Anspielung auf den Bundesbank-Präsidenten zurufen. War vielleicht ganz gut, dass ich es nicht tat. Ich mag diesen Menschen nicht. Ein österreichischer Tourist brüllte an meinem linken Ohr vorbei zu den sich inzwischen eingefundenen Kamerateams: „Wer kommt’s denn jetzt?“ - „Wissen wir nicht.“ - „Ach, hier warten’s alle, und keiner weiß, auf wen! Typisch!“ - Arsch. Maren Gilzer war der erste „richtige“ Promi.

Maren Gilzer vor dem Adlon

Ich fand sie früher eine zeitlang richtig klasse. Sie ist wohl ungefähr in meinem Alter, und so sieht sie auch aus. Ich kam mir vor wie auf einem Klassentreffen von meinem Abi-Jahrgang. Auch da laufen neuerdings immer ziemlich alte Frauen, die auf die 40 zugehen, herum. Nervig. *grins* Falls das jemand meiner ehemaligen Mitschülerinnen lesen sollte: Ich hoffe, Du verstehst den Spaß und die kleine Selbstironie. Ich habe ja nie gesagt, dass Frauen in diesem Alter weniger attraktiv sind als die Anfang-Zwanziger. Sowas würde ich nie sagen. Höchstens denken. Ich habe gerade recherchiert, dass Maren Gilzer bereits 40 ist. Dafür sieht sie prima aus. Ein Beispiel für die Anfang-Zwanziger erschien bald auf dem Teppich. Eine sehr hübsche Blondine. Sie stellte ihre Tasche ab, gab Autogramme. Viele Promis gingen zwischendurch hinein, sie gab weiter Autogramme. Danach stellte sie sich den Fotografen hin und gab dann weiter Autogramme. Hatte ich schon gesagt, dass sie zudem sehr hübsch war? Ach ja, aber sie hat es verdient, dass man es wiederholt. Ich war wieder mal beeindruckt. Bloß - wer war sie? Ein Fernsehmann meinte was von „Susanne“. Susanne Hastenichgesehn. Auf jeden Fall war sie anscheinend sehr nett. Und meine Recherchen haben ergeben, dass sie Susanne Bormann heißt. Sie spielt in dem nominierten Film „Liegen lernen“ mit. Sie ist mit Sibel fast gleich alt, auch 1980 geboren. Könnt Ihr nicht mal beide was zusammen machen? Spielt, was Ihr wollt, ich werde diesen Film lieben. Bloß nehmt nicht die Liane Forestieri dazu. Sonst würde ich an dieser Überdosis schöner Frauen zusammenbrechen.



Es war inzwischen schon nach 18.30 Uhr. Eine ältere Dame
(weit über 40!) fragte mich, ob denn hier noch jemand kommt. „Nein, keinesfalls, sie können nach Hause gehen.“ antwortete ich ihr verschmitzt, sie hat den Joke verstanden. Plötzlich riefen die Autogrammjäger gegenüber in der Nähe der Straße „Sibel, Sibel.“ Ich guckte nach links, und da stand sie nun. Bildschön, schüchtern wirkend, so als würde sie nicht wissen, was sie jetzt auf dem Teppich machen sollte. Sie ging dann schnurstracks zu den rufenden Fans...



 ...und gab geduldig Autogramme.



Als die Fernsehteams sie entdeckten, bildete sich eine Menschentraube um sie herum. Sofort war klar, wer der Star des Abends werden sollte.

Sibel gibt vor dem Adlon Autogramme

Sibel Kekilli Foto vor der Adlon von Karin Bütof
Vielen Dank an Karin Bütof für das schöne Foto.

Sibel schrieb wirklich fleißig Autogramme. Bis sie zu den Fotografen nach vorne musste.



Nun war Foto-Posing angesagt. Sibel öffnete ihr Jäckchen, machte kurz etwas auf verführerisch, lachte, strahlte. Nur leider nicht in meine Richtung.

Sibel posing vor dem Adlon 1

Sibel posing vor dem Adlon 2
 
Sibel posing vor dem Adlon 3

Im nachhinein logisch, denn weshalb sollten die Promis auch in die Sonne gucken? Schade. Dann ging sie hinein. Echt dumm gelaufen. Pech. Ich blieb noch eine Weile stehen. Bald kam Birol Ünel, und er ist privat anscheinend genauso cool wie im Film. Auch er gab lediglich auf der gegenüber liegenden Seite Autogramme, ließ sich kurz fotografieren, wurde hineingerufen.

Birol Ünel vor dem Adlon

Später kam noch Walter Momper, dann war es vorbei mit der Promi-Herrlichkeit.

Ich dachte nur: „Jetzt erst mal was essen und trinken, dann aufs Klo. Wer weiß, wie lange dieser Abend noch geht?“ Gegenüber vom Hotel ist die Mittelinsel von „Unter den Linden“ und auf der anderen Straßenseite eine Bäckerei. Dort ging ich den o.g. Bedürfnissen nach, und großes Kompliment an die beiden Verkäuferinnen, die mich kurz vor Feierabend bedienten. Ihr ward sehr nett und lustig! Sie verarschten sich schön gegenseitig und auch einen etwas eigentümlichen Gast (ich meine jetzt den anderen außer mir). Danach wollte ich mich eigentlich einfach auf eine Bank in der Mittelinsel setzen und warten, bis die ersten Promis nach der Gala wieder aus dem Adlon herauskommen. Sibel wird ja wohl kaum zu den ersten gehören (womit ich ausnahmsweise mal richtig lag). Aber es standen Busse auf der Straße, und man konnte das Hotel nicht sehen. Also bin ich wieder über die Straße vor das Adlon gegangen. Ein paar Autogrammjäger von vorhin standen noch da und diskutierten. Auch derjenige, der auf dem ersten Autogrammgebe-Foto neben Sibel steht, war noch da. „Sie haben doch vorhin ein Autogramm von Sibel Kekilli bekommen.“ Er nickt. „Darf ich das bitte mal sehen? Keine Angst, ich nehme es Ihnen nicht weg.“ „Ich habe auch eins“, sagt seine Nachbarin und hält es mir entgegen. Gut, ich habe es jetzt gesehen, aber so auf einer weißen Seite sieht es doof aus. Was aber auffällt: Sibel schreibt total lesbar ihren Namen hin und nicht so ein unlesbares Krickelkrakel wie viele. „Ich habe das Buch und Ihr habt keine Ahnung“ dachte ich - natürlich nicht ernst gemeint. Immerhin hatten sie Autogramme, doch diesen kleinen Nachteil zu meinen Ungunsten dachte ich unbedingt heute noch auszugleichen. „Warten Sie doch, bis sie wieder rauskommt.“ erhielt ich den Rat. „Wir würden das auch machen, aber wir haben noch anderes zu tun.“ Ich nicht. Die ganzen Absperrungen draußen waren inzwischen weg. Also ging ich ins Hotel hinein.

Ganz fremd war mir der Laden nicht. Ich war schon mal mit meinen Eltern hier essen. Zum Glück musste ich damals nicht bezahlen. Ich setzte mich gleich in Eingangsnähe auf ein Sofa. Sofort kam eine Kellnerin an. „Haben Sie einen Wunsch?“ Ich hasse diese dumme Frage. Klar, Hunderte, Tausende. Bloß, was konnte sie mir bieten? „Ein Mineralwasser bitte.“ Ich bezahlte es gleich: 6,20 €. So habe ich das auch erwartet. Wenigstens bekam ich noch einen Ständer. 4 verschiedene Sorten Knabberzeugs waren darauf. Also fing ich an zu knabbern. Der Pianist spielte Songs aus dem American Songbook. Bei den Sinatra-Songs sang ich leise mit. Ja doch, so kann es mir eine Weile gefallen. Eine attraktive Hotelbedienstete näherte sich. „Ich gehe mal kurz an Ihre Knabbereien, ja?“ „Sie dürfen bei mir überall ran,“ durchschoss es unkontrolliert mein krankes Hirn, doch es kam mir nicht wirklich über die Lippen. „Ja bitte, gerne.“ So verbrachte ich ungefähr 1 ½ Stunden. Ich kann nicht sagen, dass mir langweilig war. Eher war mir schlecht. Vor Aufregung und vor fettem Knabberzeugs.

(Dieses Foto ist LEIDER NICHT von mir)
Click Foto zur Fotogalerie

Plötzlich kam aus dem abgesperrten Promi-Bereich hinten Birol Ünel. In seinem weißen Anzug war er nicht zu übersehen. Er setze sich auf die Treppe zum Aufgang. Ich fuhr meinen Hals so weit es ging aus. Kann man da hingehen? Es kommt auf einen Versuch an. Ja, kein Problem. Auf der linken Seite war der Treppenbereich mit dem Aufgang zum oberen Geschoss und dem Abgang zu den Toiletten. Rechts waren 2 lange Tische aufgebaut, ich glaube, an dem einen wurde italienisches Parfum angeboten. Birol saß also auf der Treppe und gab ein Fernsehinterview. Offensichtlich ist er für etwas nominiert worden. Und Sibel? Ich lehnte mich an einen Pfeiler, gerade mal 3 Meter von Birol entfernt. Mir war aber auch gar nichts peinlich, doch wenn keiner was sagt, kann ich da ja wohl stehen, oder? Beim Interview wollte ich aber nicht stören, und als wenn meine Gedanken zu Birol übertragen wurden, stand er auf und ging zu dem einen großen Tisch, nicht zu dem mit dem Parfum. Irgendetwas holte er da, keine Ahnung was. Er kam gleich wieder zurück und ich dachte, nun ist das Interview ja eh unterbrochen, also kann ich jetzt doch ... Auf dem Weg zur Treppe sah er mich. Er setzte sich wieder. „Entschuldigung, könnte ich bitte ein Autogramm bekommen?“ Er nickte und machte sofort eine „Komm her, das ist mir wichtig“-Handbewegung. „Ich habe auch etwas mitgebracht.“ sagte ich stolz und zückte das Buch. „Hoffentlich finde ich schnell ein Foto von ihm“ schoss es mir durch den Kopf, und wie durch ein Wunder schlug ich fast sofort die richtige Seite auf. „Er hat sogar das Buch mitgebracht, das kenne ich ja selbst noch nicht.“ sagt Birol zu den Fernsehleuten. „Es ist interessant zu lesen,“ sage ich, „es weicht ja vom Film ab.“ - „Ja, das Drehbuch wurde ungefähr 8 mal umgeschrieben.“ Kritzel kritzel. „Vielen vielen Dank, alles Gute und viel Erfolg,“ sage ich, worauf er mich nett anlächelt. „Vielen Dank.“



„Ein wirklich cooler Typ“, denke ich, das war genau das Richtige zum warmwerden für Sibel. Kaum gedacht, kam Sibel aus dem Promi-Bereich, begleitet offensichtlich von einer Reporterin. Sie gingen nach rechts zur Seite. Dort, hinter den Tischen, war ein abgelegener Bereich, wo die Fahrstühle waren. Ein Tisch mit Sofa stand da, Sibel setzte sich mit der Reporterin hin. Ich schaute auf meiner Höhe nach rechts. Dort stand ebenfalls ein Tisch, ein Sofa und ein Sessel. Der besondere Charme dieses Sessels lag darin, dass ich von dort genau zu dem Sofa mit Sibel gucken konnte. Ich tippe mal 7 Meter Entfernung, freie Sicht. Schon saß ich da. Oh yeah. Eine Kellnerin kam auf mich zu. „Möchten Sie etwas trinken?“ Schon wieder 6,20 € ausgeben? „Ich habe vorhin schon bei der Kollegin etwas getrunken, ehrlich, ich würde gern hier einfach so kurz sitzen.“ - „Selbstverständlich können Sie hier auch sitzen, ohne etwas zu bestellen.“ - „Danke, das wollte ich hören.“ Wir lachen.

Das Zeitungsinterview dauerte ganz schön lange. Ich konnte nichts verstehen, bis Sibel einmal etwas lauter wurde und meinte: „Es ist jetzt raus!“ Jeder weiß, zu welchem Thema sie da befragt wurde, und man hatte den Eindruck, dass sie etwas angesäuert darüber war. Es entwickelte sich fast ein Interview-Marathon, erst kam das ZDF, dann RTL, dann Premiere.


Sibel Kekilli

Jedesmal nahm Sibel Glückwünsche entgegen, musste freundlich sein, puuh. Nein, da konnte ich nicht noch mit meinem Autogrammwunsch kommen. Ich hörte nicht, was Sibel sagte, aber sie gestikulierte total niedlich lächelnd mit ihren Armen. Die Premiere-Reporterin sagte mir bereits vor dem Hotel, dass es ihren Bericht in „Premiere Kino“ auf Premiere Start gibt und dass Premiere die Gala am 18.6. übertragen wird. Zur ZDF-Reporterin ging ich gleich nach ihrem Interview, und sie erzählte mir ganz nett, dass es einen Bericht am Folgetag bei „Leute heute“ geben wird. Als die Interviews fertig waren, ging Sibel wieder nach hinten in den abgesperrten Promi-Bereich. Keine Chance für mich.

Ich setzte mich vorne in einen Sessel, von dem aus ich den VIP-Bereich gut sehen konnte. Das Piano-Klimpern der Sinatra-Songs machte mich ganz melancholisch. Birol Ünel ging noch hin und her. 2 Tische entfernt saß jetzt die hübsche Susanne von vorhin, telefonierte mit ihrem Handy. Es wäre einfach gewesen, mir ein Autogramm zu holen, bloß wusste ich ja immer noch nicht, wer sie war. Plötzlich kam ein Hotel-Angestellter auf mich zu: „Sind Sie Hotel-Gast?“ - „Nein.“ - „Dann muss ich sie bitten, den Platz frei zu machen. Es kommen immer mehr Hotelgäste, die nach Plätzen fragen. Sie können sich im Obergeschoss niederlassen, wenn sie möchten.“ Das verschlechterte meine Situation natürlich dramatisch. Wie sollte ich mir vom Obergeschoss aus ein Autogramm geben lassen? Da konnte ich nicht hin. Was tun? Hinstellen, rumlaufen, beides? Ich ging erst mal herum. Katja Bienert kam mir entgegen. Auch eine Schauspielerin mit Erotik-Vergangenheit. Gerade wenn man sich überlegt, wie lange das her ist, wundert man sich, wie Sibels Vergangenheit überhaupt der Rede wert sein konnte. Aber Katja ist eine ziemlich unfreundliche Person, wie sie mir einmal bei Burger King präsentierte, als sie vor mir stand. Nee, da wäre mir Maren Gilzer doch viel lieber. Ich ging nach links zur Seite und sah plötzlich in das Gesicht eines Hotel-Angestellten, der irgendwie eine höhere Position haben muss. Unsere Blicke trafen sich. „Oh nein, jetzt fragt der mich doch bestimmt gleich, ob ich Hotelgast bin. Das muss ich mir nicht antun.“ dachte ich und drehte mich einfach um. Es waren so viele Plätze frei, da setze ich mich lieber nochmal und bestelle mir noch ein Mineralwasser. Denkste. Der Mann konnte ganz fix sein und lief mir hinterher. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ - „Ich würde mich gern hinsetzen und mir etwas zu trinken bestellen.“ - „Sind Sie Hotelgast?“ - „Nein. Ich habe von ihrem Kollegen schon gehört, dass es wohl ein Platzproblem geben soll, aber es sind doch noch so viele Plätze frei.“ - „Sie müssen nicht hier bleiben.“ - „Aber ihr Kollege meinte, ich könnte zumindest oben Platz nehmen.“ - „Nein, bitte nicht.“ - „Heißt das, ich muss gehen?“ - „Ja bitte.“ Uff. Ich ging Richtung Ausgang, er lief neben mir, begleitete mich wie einen Schwerverbrecher vor die Tür. „Sehr gastfreundlich!“ zischte ich ihn an, etwas Sinnvolles fiel mir leider nicht ein. Naja, da habe ich es ihm also so richtig gegeben... Auch heute weiß ich noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Einerseits kann natürlich das Hotel selbst bestimmen, wem es Aufenthalt gewährt und wem nicht. Ich finde nur, dass es einen Unterschied macht, ob beispielsweise 30 Fans die Hotelhalle besetzen und die Hotelgäste stören, oder ob ein einzelner Fan auf ein Autogramm wartet. Ich denke schon, dass man vielleicht eine für alle Seiten befriedigende Lösung hätte finden können, wenn man es gewollt hätte.

Nun war ich also wieder vor dem Hotel angekommen. Ganz schön kalt ist es geworden. Wie lange soll ich warten? Ich dachte an Sibels Frage an Cahit im Film „Gegen die Wand“: „Wie lange bleibst Du in der Stadt?“ - „Bis ich Dich gesehen habe.“ Da werde ich ja wohl warten können, bis ich dieses Autogramm habe, egal wie lange es dauert. Es war gegen 23.00 Uhr. Es standen noch 2 Autogrammjäger vor dem Hotel, offensichtlich professionelle. Sie hatten Ordner dabei, ließen sich von fast jedem, der rauskam, ein Autogramm geben. Woher kennen die bloß alle? Aber gut, wenn Sibel rauskommt, werden sie sicher gleich hinstürmen, und ich stelle mich dann einfach noch dazu. Jungs, Ihr seid meine Helden! Das war meine nächste Fehleinschätzung. Es dauerte nämlich gerade mal eine Viertelstunde, dann gaben sie auf und verschwanden. Schlappschwänze! Ihr wisst wohl nicht, wer da noch drin ist?!? Ich gebe aber zu, die Tatsache, dass ich nun der einzige Berliner Fan war, der auf Sibel wartete, hatte einen gewissen Charme. Vielleicht gibt es für mein Ausharren doch einen kleinen Sibel-Kekilli-Sympathiepunkt? Ich ging vor dem Hotel auf und ab. Lauter Italiener liefen da herum, Karl Moik hätte seine wahre Freude. Trotz fortgeschrittener Uhrzeit hatten alle, die das Hotel verließen, noch nett Autogramme gegeben. Es müsste nun doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich das von Sibel nicht bekomme. Es war 23.30 Uhr. Ich war gerade vor dem Hotel auf der linken Seite, da erschien Sibel oben auf der Treppe. Es waren mehrere Leute und sie gingen fast gehetzt zu den Taxis. Ob der Hotel-Typ vielleicht gewarnt hat, dass ein Geistesgestörter Sibel vor dem Hotel auflauert? Es musste alles in Sekunden entschieden werden. Das Buch hatte ich schon in der Hand, ich lief ebenfalls zu den Taxis, hatte fast schon die gleiche Höhe wie die anderen erreicht. Soll ich jetzt in Erscheinung treten, ihr zeigen, dass ich der Gestörte bin? Soll sie in Zukunft erschrocken das Weite suchen, wenn sie mich irgendwo sieht? Ich zweifelte und hielt inne. In dem Moment war alles schon erledigt. Sibel bedankte sich beim Hotel-Personal und stieg ins Taxi. Keine Chance für mich.

Ich stieg nun in die S-Bahn. Klar war ich traurig, aber ich hatte Sibel mehrfach von nahem sehen können, das war schön. Und ich hatte einen Vorwand, ihr wieder eine Email zu schreiben. Ich werde mich sehr bemitleiden. Das habe ich mir auch verdient.


Zum Eingang