Why me?

Sibel Kekilli

Im Folgenden möchte ich ein wenig darüber philosophieren, warum ich mich eigentlich mit der Sibel-Kekilli-Krankheit (nicht negativ gemeint) infiziert habe. Weshalb konnte es nicht einfach so sein, dass ich „Gegen die Wand“ gucke, den Film und die Hauptdarsteller toll finde, nach Hause gehe und gut war’s, so, wie das schon bei so vielen Filmen geschehen ist? Über diese Frage habe ich mir in letzter Zeit ganz schön den Kopf zerbrochen. Zuerst ist es ja ganz lustig, wenn man als Auf-die-40-Zugehender Schwärmgefühle wie im Teenyalter bekommt. Wenn das aber nach mehreren Wochen nicht nachlässt und man jeden Tag und fast jede Stunde an Sibel-Kekilli-Szenen in Film und Fernsehen denkt und einem jedes Mal fast die Tränen kommen, wenn Ausschnitte des Filmes mit ihr zu unterschiedlichen Anlässen im Fernsehen gezeigt werden, hört der Spaß langsam auf und man muss sich ernsthaft Gedanken machen, wie man am besten damit umgeht. Eine Maßnahme ist diese Website.

Um die Gründe zu erforschen, müsste ich mich hier zu sehr öffentlich outen, was sicher auch wenige wirklich interessieren würde. Mir fiel eine Alternativ - Story ein, an deren Beispiel man gut erkennen kann, was mir imponiert und was mich bewegt. Diese möchte ich gern erzählen.

Es ist der 13. Oktober 2003. Ich sitze in der Berliner Max-Schmeling-Halle und warte auf den Showbeginn. Die Halle ist zu diesem Zeitpunkt zu ¾ gefüllt. „Mariah Carey in Concert“ steht auf dem Programm. Doch ich bin nicht wegen Mariah Carey hier, auch wenn ich Mariah Carey mag und ihr Konzert gigantisch werden wird. Mein Interesse gilt einer jungen Sängerin, einer Wahlberlinerin aus Erfurt, die in diesem Jahr richtig durchstartete. Sie ist zum ersten Mal mit ihrer Band auf Tour, wenn auch nur als Vorprogramm. So richtig kenne ich von ihr nur einen Song, den aber umso besser, denn ich habe ihn im Büro wohl 100 Mal im Radio gehört, und er hat mich stets sehr bewegt: „Für Dich“. Ich werde wohl auch „Niemand sonst“ oder „Gefühle“ schon mal gehört haben, aber nicht bewusst. Ich möchte mir ein Bild machen, wie sie live singt, ob sie eine echte Sängerin ist oder mehr eine Seriendarstellerin, die auch mit dem Singen Geld verdienen will. Ich hatte nie eine GZSZ-Folge mit ihr gesehen und habe sie nie sprechen gehört. Plötzlich betritt Yvonne Catterfeld von rechts hinten die Bühne.

Das Erste, was auffällt: Kaum jemand nimmt Notiz von ihr. „Oh jeh, die!“ stöhnt meine unbekannte Nachbarin. Yvonne beginnt „Du bist mein Abendstern, ich schein’ für Dich, ich begleite Deine Träume durch die Nacht.“ Sie klatscht über dem Kopf mit ihren Händen als Zeichen zum Mitklatschen. Nix. Als das Lied vorbei ist, mehr Pfiffe als Applaus. „Guten Abend Berlin! Ich bin aus demselben Grund hier wie Ihr, denn ich bin ein großer Fan von Mariah Carey. Und es ist eine große Ehre und besondere Freude für mich, in meiner Wahlheimat Berlin für Euch singen zu dürfen.“ Das kam an.
Die Show ging weiter; nach den o.g. Songs folgte u.a. „Niemandsland“. Der Sound war toll, Yvonne hat - heute weiß es jeder - eine großartige Live - Stimme. Sie stand im Jeans - Look auf der Bühne, wirkte enorm natürlich und sah auf der Leinwand wie ein blonder Engel aus.

Yvonne Catterfeld

Die Stimmung im Publikum kippte von Song zu Song immer mehr. Sie war einfach nur klasse. Als ihre Show dann mit “Für Dich“ beendet wurde, kamen die Feuerzeuge und ich musste hart mit den Tränen kämpfen. Als sie die Bühne verließ, bekam sie tosenden Applaus, auch von meiner Nachbarin. Ich war sehr bewegt. Eine Kollegin im Büro musste eine lange Zeit täglich Emails lesen, die mit „*I love Catti*I love Catti*I loveCatti*I love Catti*“ zu Ende gingen, bis sie eines Tages schrieb „Nun ist es langsam mal gut mit Deiner Catti!“

Sie hat mit einer tollen Leistung ein Publikum im Sturm erobert, das ihr zunächst kritisch gegenüber stand. Sie hat die richtigen Worte gewählt. Sie hat mit ihrer natürlichen sympathischen Ausstrahlung und auch mit ihrer umwerfenden Schönheit den Weg ins Herz ihrer Zuschauer gefunden. Auch ihr Umfeld, mit dem sie es beruflich zu tun hat, spricht stets mit viel Zuneigung von einem „wunderbaren Menschen“. All das trifft mindestens genauso auf Sibel Kekilli zu. Ihre Darstellung der rebellischen und freiheitssuchenden, aber auch der romantischen und erotischen Sibel im Film "Gegen die Wand" ist brillant. Ich war schon von ihrer ersten Szene an, von ihrem ersten Blick, ihrem ersten Lächeln total verzaubert. Sie hat in der Öffentlichkeit eine private Krise bewältigen müssen und wurde mit einem Wechselbad von Erfolg und Enttäuschung fertig. Gerade aufgrund ihres Lebenslaufes erscheint sie als facettenreiche und höchst interessante Persönlichkeit, ein "Extremfall", wie sie selbst einmal sagte. Sie hat es geschafft, bei allem Unverständnis für das Verhalten vieler Leute nie ein böses Wort zu verlieren. Sie verbindet Stärke und Mut mit Sensibilität, sowie Selbstbewusstsein und Freiheitsdrang mit Schönheit, Anmut und Warmherzigkeit. Dafür bewundere und liebe ich sie.

(April 2004)
Sibel Kekilli


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