Zwei Tage im Himmel. Und dann die
Hölle. Der gefeierte "Star" des neuen deutschen Kinos, Sibel
Kekilli, strahlte an jenem Samstag im Februar, als sie ihren Goldenen
Bären in den Händen hielt. Funkelnde Mandelaugen, ein
engelsgleiches Lächeln, die gesamte Presse knipste. Zum ersten Mal
seit 18 Jahren hatte ein deutscher Film, "Gegen die Wand" von Fatih Akin,
den Preis für den besten Film bei der Berlinale (Berliner
Filmfestival) erhalten. Am Dienstag hatten die Schlagzeilen ihren Tenor
geändert: "Sibel, die
Sünderin", "Sibel, die
Porno-Diva". Untermalt durch Fotos aus den Videos hatte die
populäre Tageszeitung BILD ein zweiwöchiges Dauerfeuer
gestartet. Man bedenke, eine deutsche Schauspielerin, die Pornos
gedreht hat, ist nur eine Randerscheinung. Aber eine Schauspielerin
türkischer Herkunft, das ist ein echter Skandal!
Vater Kekilli, der durch die Presse
von Sibels wechselhafter Vergangenheit erfuhr, hat seine Tochter
verstoßen. Ihre Schwester (zweieiige Zwillinge) hat die
Verbindung abgebrochen. Durch ein merkwürdiges Spiel von Spiegeln
hat das private Leben der Schauspielerin Sibel das der fiktiven Sibel
eingeholt.
"Gegen
die Wand" erzählt die Geschichte einer jungen Türkin
namens Sibel, die versucht, ihrer Familie und dem Selbstmord dadurch zu
entgehen, dass sie Cahit, ein Verlierertyp wie sie, davon zu
überzeugen versucht, durch eine Zweckehe dem familiären
Einfluss zu entkommen. Die beiden Desperados finden gerade ihren
Lebenswillen wieder, als Cahit versehentlich einen von Sibels
Liebhabern tötet. Das provoziert die Verbannung durch die Familie
für die junge Frau...
"Dieses
Szenario war wie eine Vorahnung" stößt die junge
Schauspielerin nachdenklich hervor. Sie ist einfach, nur in Jeans und
eine rosafarbene Crepebluse, gekleidet. Kein Make-up. Vor allem kein
tiefes Décolleté. Sibel wohnt seit einigen Monaten in
Hamburg, "einer zu großen
Stadt mit zu großen Unterschieden zwischen Reichen und Armen."
Sie scheint von ihrem neuen Ruf eingeholt worden zu sein. "Das ist ein bisschen viel für
meine Schultern", seufzt sie, ihr Blick verliert sich im Kaffee.
"Ich
habe in einem Jahr erlebt, was eine normale Schauspielerin in zehn
Jahren durchlebt. Den Ruhm und den Niedergang. Ich wusste,
dass meine Vergangenheit eines Tages wieder hochkommen
könnte, aber ich habe keine so schmutzige Kampagne erwartet."
Sibel hatte bereits komplett mit Pornofilmen aufgehört, als Fatih
Akin sie für seinen Film auswählte.
Sie hatte noch nie von ihm gehört. Sie ging nicht ins Kino, auch
nicht, um sich einen amerikanischen Schinken anzusehen. Als der
Castingagent sie in einem Kölner Geschäft ansprach, glaubte
sie an einen schlechten Scherz. "Diese
Rolle, das war eine Chance für mich, ich konnte sie doch nicht
ausschlagen aus Angst, dass man eines Tages meine Vergangenheit
entdeckt!" Die Dreharbeiten waren nicht gerade erholsam. Es
heißt, das Frauenzimmer ist nicht fügsam. Birol Unel, der
Hauptdarsteller, wollte unter gar keinen Umständen mit einer
Anfängerin drehen. Aber Fatih Akin wollte sie um jeden Preis: "Ich hatte verdammte Mühe, sie zu
finden", erklärt er. "Schauspielerinnen
türkischer Herkunft so um die zwanzig gibt es so gut wie gar nicht
in Deutschland. Und außerdem war keine von ihnen bereit, sich vor
der Kamera auszuziehen. Die in Deutschland lebende türkische
Gemeinde ist viel traditioneller als in der Türkei!"
Die Familie Kekilli, Vater Arbeiter,
Mutter Hausfrau, stammt ursprünglich aus dem Südosten der
Türkei und ist relativ offen. "In
meiner Familie tragen die Frauen
kein Kopftuch", erzählt Sibel. "Ich konnte seit dem sechzehnten
Lebensjahr an Schulausflügen teilnehmen, und ich erhielt sogar die
Erlaubnis, mir ein Nasenpiercing machen zu lassen."
Aber es gibt auch Verbote, die immer erdrückender werden für
ein junges Mädchen, das in Deutschland geboren wurde und besser
deutsch als türkisch spricht. Sie darf sich nicht schminken. Sie
darf keine Miniröcke tragen. Sie darf keinen Freund haben. Obwohl
sie eine gute Schülerin ist, muss Sibel in der 11. Klasse die
Schule verlassen, um im Rathaus von Heilbronn zu arbeiten, Abteilung
Hausmüll. "Ich
hatte ständig das Gefühl, einen Strick um den Hals zu
tragen", erzählt sie. "Obwohl
ich meinen Lebensunterhalt selbst
verdiente, riefen meine Eltern mich an, um mir aufzulisten, welche
Dinge mir verboten und welche mir erlaubt waren. Ich musste
für alles um eine Erlaubnis bitten." Pornofilme hat sie
sechs
Monate lang gedreht, weil sie eine Menge Geld brauchte. Nicht, so sagt
sie, für tonnenweise Klamotten oder für Discobesuche,
sondern um ihrem Vater eine Freude zu machen, indem sie eine
große Hochzeit organisiert. Ein echtes Fiasko. Das Fest
wurde gefeiert, aber die Eheschließung (mit einem Deutschen) hat
am Ende nie stattgefunden. Als türkische Staatsbürgerin hat
sie ihre Papiere nicht rechtzeitig erhalten.
Schließlich hat sie ihren potentiellen Ehemann verlassen (sie
lebt heute mit einem anderen deutschen Freund zusammen), der ihr nicht
half, die Schulden zurück zu zahlen. Ihr Vater hat auch nicht
zahlen
wollen. Eine wahre Geschichte oder Erfindung des rebellischen Opfers,
das die Verantwortung für seine Handlungen nicht tragen will? Ihre
Agentur hält sich bedeckt. Ihre Filmkollegen tun sich schwer
damit, die Geschichte des fehlgeleiteten Aschenputtels zu schlucken.
Kellnerin in einer Bar, Verkäuferin für Obst und Gemüse
auf den Märkten, Nachtclub - Dame... Sibel schafft es nicht, ihre
Schulden zu begleichen. Um leichter Geld zu verdienen, macht sie einige
Nacktaufnahmen, dann ein paar mal Striptease, ehe sie Pornofilme dreht.
"Im
Grunde war es ein Akt der
Rebellion. Ich war böse auf alle, auf mich selbst, auf meine
Familie, auf die türkische Tradition und sogar auf Deutschland."
Wenn sie die doppelte Staatsbürgerschaft gehabt hätte,
wäre ihr Leben vermutlich eher nach klassischem Muster verlaufen.
Die Hochzeit hätte stattgefunden. Sie hätte heute eine
"normale" Arbeit, vielleicht Kinder, obwohl sie sich dafür nicht
reif genug fühlt.
"Alles
in allem habe ich niemandem
geschadet!" ruft sie aus, wobei sie zugibt, dass es
für einen
Muslim schlimmer ist, einen Pornofilm zu drehen, als einen Menschen zu
töten. Sibel hat sich immer als eine Deserteurin betrachtet. Schon
als Kind lebte sie für sich, hatte keine Freunde. fühlte sich
ihrer Mutter nicht nah, verstand sich nicht sehr gut mit ihrer
Schwester. "Einem Türken
gegenüber zuzugeben, dass man
nicht an Gott glaubt, ist schon ein Akt der Rebellion",
unterstreicht
sie. Als Heranwachsende erkundete sie alle Religionen und verstand sich
am Ende als totale Atheistin. "In
einer bayerischen Schule Kreuze zu
sehen, regt mich genauso auf. Jeder muss das Recht haben, privat
ein Kopftuch zu tragen. Aber nicht in öffentlichen Einrichtungen
wie in Schulen. Und dann sollte man sich auch nicht schminken, eine
engsitzende Hose tragen oder rauchen, sonst macht es keinen Sinn."
In Istanbul hat das Anlaufen des Films nicht zum befürchteten
Aufruhr geführt. Die örtliche Presse hat einige harmlosere
Fotos ihrer "Großtaten" veröffentlicht. Einige Frauen haben
Sibels Übertretungen als eine Art Emanzipation verstanden. "Natürlich
würde ich keinem jungen türkischen
Mädchen empfehlen, dasselbe wie ich zu tun, aber falls ich am
Anfang einer kleinen sexuellen Revolution gestanden haben sollte, indem
ich die Väter dazu gebracht habe, mit ihren Töchtern
über die Sexualität zu reden, umso besser. Alle Frauen
müssen ein unabhängiges Leben führen können."
Jetzt will sie als Schauspielerin weitermachen. Die rebellische Sibel
hat beschlossen, sich von ihrer ersten Gage die Nase richten zu
lassen. Wie alle Sternchen. Sie will ihr Leben ändern. Und endlich
mit der Vergangenheit brechen.