Sibel
Kekilli
DEUTSCH
(10/2004): "Risse in der Seele"
Acht
Monate ist es her, seit Sibel Kekilli mit dem Film >>Gegen
die Wand<< den goldenen Bären der Berlinale 2004 gewann.
Nach dem Erfolg wurde sie von der Boulevard - Presse wegen ihrer
filmischen Vergangenheit gejagt, von ihrer Familie verstoßen und
von türkischen Fundamentalisten bedroht. Wie kann man mit solchen
Verletzungen leben?

Frau Kekilli, Sie sagen, dass
Ihr Körper jung sei, Ihre Seele im vergangenen Jahr zu schnell
gealtert ist. Woran machen Sie so ein Gefühl fest?
Ich merke es daran, dass ich
keine Lust mehr habe auszugehen und neue Dinge zu erleben. Ich habe das
Gefühl, dass ich mit dem Erlebten erst mal fertig werden muss. Bis
vor kurzem habe ich nächtelang durchgetanzt, daraus habe ich meine
Energien gezogen. Es war befreiend, mit Freunden auszugehen, Spaß
zu haben. Heute möchte ich nach offiziellen Terminen schnell nach
Hause.
Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie keine Lust mehr haben,
im Mittelpunkt zu stehen?
Das war nach der Berlinale.
Alle waren in Partylaune, ich konnte aber nicht mitfeiern. Ich habe
mich leer und überfordert gefühlt. Ich habe zu viele Menschen
beobachtet, wie sie versucht haben, sich in meinem Licht zu sonnen. Das
war sehr anstrengend.
Man weiß bei Ihnen nicht genau, ob Sie eher ein weicher,
emotionaler Typ sind oder doch der harte, pragmatische.
Ich bin wohl beides. Meine
Seele ist viel älter als mein Körper. Ich kann nicht mal
benennen, wie alt sie ist. Ich bin in diesem Jahr sehr müde
geworden. Ohne meine harte, starke Seite wäre ich sicher schon
längst untergegangen. Natürlich gibt es auch Phasen, in denen
ich weich und schwach bin und stundenlang heule.
Ihre Seele scheint verletzt.
Ja, irgendwie hat sie schon
Risse bekommen. Ich habe das viel zu spät gemerkt. Erst als es
ruhiger wurde, habe ich begriffen, wie sehr mich die ganze Situation
verletzt hat.
Gibt es schon erste Anzeichen?
Ja, ich habe meine ersten
grauen Haare bekommen.
Mit 24 Jahren?
Zuerst dachte ich, es
wäre nur eins. Aber dann entdeckte ich jeden Tag neue. Ich habe
mich so erschrocken, dass ich sie mir alle einzeln ausgerissen habe.
Sie sind sehr schnell sehr berühmt geworden und haben Erfolg, auf
den andere lange warten. Und trotzdem sind Sie unglücklich?
Unglücklich kann man das
nicht nennen. Es geht nicht darum, dass ich noch mehr will. Ich bin
immer noch auf der Suche, meinen Seelenfrieden zu finden. Mein ganzes
Leben wollte ich nur Freiheit. Und ich habe nun erfahren, dass Freiheit
im Kopf und im Herzen beginnt und nicht von Lebensumständen oder
materiellen Dingen abhängt.
Können Sie erklären, was Seelenfrieden für Sie
heißt?
Mit sich eins zu sein. Es geht
nicht darum, ein paar Wochen Yoga zu machen oder einen Therapeuten zu
besuchen. Ich brauche einfach Zeit, um alles zu verarbeiten.
Hat Ihr Wunsch nach Ruhe und Frieden auch damit zu tun, dass Ihr Freund
Michael elf Jahre älter ist als Sie?
Eigentlich nicht. Er ist
manchmal chaotischer als ich. Wenn es mir nicht gut geht, ist er
natürlich immer da. Er ist aber auch mein größter
Kritiker. Klar, er hat mehr Lebenserfahrung als ich, sieht Dinge
natürlich auch aus der männlichen Sicht.
Sie waren schon mit ihm zusammen, bevor Sie erfolgreich wurden. Und er
hat Ihre Entwicklung mitbekommen. Hält er Ihnen manchmal vor, dass
Sie sich verändert hätten?
Ja, aber nicht im negativen
Sinne. Er sagte mal, dass ich ruhiger geworden sei. Michael sorgt schon
dafür, dass ich nicht abhebe. Erfolg ist so vergänglich. Ich
vergesse nie, dass das alles hier nicht selbstverständlich ist.
Wissen Sie, es gab Zeiten, in denen ich vom Flaschenpfand Brot gekauft
habe. Wir haben in einer 38-Quadratmeter-Wohnung gelebt. Und diese
Zeiten können wiederkommen.
Die Berlinale und die anschließende Jagd der Boulevard - Presse
ist jetzt über ein halbes Jahr her. Sind Sie noch auf einige Leute
wütend?
Da bin ich schon sehr
nachtragend. So schnell werde ich die Menschen nicht vergessen, die
mein Leben auf den Kopf gestellt haben. Sie haben in meinem Fall die
Grenze überschritten.
Aber Sie brauchen die Presse auch, um in Zukunft ihre Filme zu
promoten. Wie wollen Sie diesen Spagat hinbekommen, wenn Sie so
nachtragend sind?
Ich habe ja auch gute
Erfahrungen mit der seriösen Presse gemacht. Ich weiß auch,
dass ich mit der Presse zusammenarbeiten muss. Das ist ein Geben und
Nehmen. Das Spiel der Klatsch - Presse werde ich aber nicht mitspielen.
Denen geht es doch sowieso nur um Skandale und nicht um die Arbeit, die
man macht.
Frau Kekilli, mussten Sie für das Leben, das sie jetzt
führen, etwas opfern?
Ja, meine Familie.
Und, hat es sich gelohnt, dieses Opfer zu bringen?
Ich denke schon, obwohl ich
meine Familie nicht für diesen Film geopfert habe, sondern
für meine Freiheit und für ein eigenständiges Leben. Und
das habe ich schon vor Jahren getan. Als ich dann die Rolle in
>>Gegen die Wand<< hatte, habe ich kurz überlegt, ob
ich sie wirklich annehmen sollte. Denn damit war klar, dass die Sache
mit den Erotikfilmen nicht länger geheim bleiben wird. Um ehrlich
zu sein, bin ich erleichtert, dass jetzt alles bekannt ist. Es ist ein
Teil meiner Vergangenheit. Und jetzt brauche ich mich nicht mehr zu
verstecken.
Haben Sie denn inzwischen wieder Kontakt zu Ihrer Familie?
Nein. Ich möchte von
meiner Seite erst dann wieder Kontakt zu meiner Familie aufnehmen, wenn
mein Vater mich so akzeptiert, wie ich bin. Ich werde erst wieder mit
ihm reden, wenn er nicht mehr versucht, sich in mein Leben einzumischen
und mich ändern zu wollen. Sonst hätte es keinen Sinn gehabt,
diesen schweren Weg zu gehen, den ich gegangen bin. Erst wenn er mich
und meinen Lebensstil respektiert, werde ich zu ihm gehen. Momentan
würde mein Vater mich nicht verstehen.
Haben Sie denn noch ein starkes Bedürfnis, gegen die
konservativen, türkischen Traditionen rebellieren zu müssen?
Ach, so schlimm wie mit 18 ist
es nicht mehr. Früher habe ich mit Absicht ein Kreuz getragen und
Schweinefleisch gegessen, nur um den Deutschen zu beweisen, dass ich zu
ihnen gehöre und meinem Vater zu demonstrieren, dass ich machen
kann, was ich will. Heute brauche ich diese Art von Rebellion nicht
mehr. Ich muss keinen ultra-kurzen Minirock mehr tragen, habe mein
Bauchpiercing herausgenommen und demnächst werde ich meine Tatoos
weglasern lassen. Ich muss jetzt niemandem mehr etwas beweisen.
Was ist deutsch an Ihnen?
Mein Leben ist deutsch.
Pünktlichkeit ist mir wichtig, ich hasse es, wenn Leute zu
spät kommen. Und wenn ich etwas mache, dann mache ich es
gründlich. Meine Freunde sagen mir oft, dass ich deutscher sei als
viele Deutsche. Aber ich sehe das eher als Kompliment.
Gibt es typisch deutsche Eigenschaften, die Türken an Ihnen
ungewöhnlich finden?
Ja, meine Vorliebe für
Leberwurstbrote. Und Misstrauen gegenüber Menschen ist eine
deutsche Eigenschaft von mir. Die türkische Charaktereigenschaft,
offen und herzlich zu sein, fehlt mir ein wenig. Das liegt vielleicht
aber daran, dass mich Menschen sehr oft enttäuscht haben.
Und typisch türkisch?
Mein anatolischer Stolz.
Manchmal steht er mir im Weg, manchmal habe ich falschen Stolz,
müsste mich für etwas entschuldigen, mache es dann aber nicht.
Können Sie sich daran erinnern, was bei Ihnen zu Hause deutsch war?
Jacobs Kaffee und
Käsekuchen. Und dass ich mit meinen Geschwistern deutsch
gesprochen habe.
Nach Ihrem Erfolg sind Sie von traditionellen Türken bedroht
worden. Sogar Morddrohungen haben Sie bekommen.
Natürlich ist das ein
komisches Gefühl, aber ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich
zu leben habe. Ich wollte nicht im Gefängnis leben, deshalb habe
ich meine Familie verlassen. Aber zum größten Teil finden es
die Türken gut, wie ich lebe. Es gibt immer ein paar, die meinen,
sich einmischen zu müssen. Auch eine sehr türkische
Eigenschaft übrigens.
Wofür geben die Ihnen die Schuld?
Zum Beispiel, dass ich
verantwortlich sei dafür, dass diese Leute ihre Töchter jetzt
noch mehr kontrollieren müssten. Wenn meine Eltern mir das
Gefühl gegeben hätten, dass sie mir vertrauen und ich ein
wenig mehr Freiheit bekommen hätte, wäre ich niemals
abgehauen.
Und wie reagieren Sie auf diese Drohungen?
Einer türkischen Mutter
habe ich geschrieben, dass sie aus meinem Fall nichts gelernt hat. Mein
Vater hat nie mit mir gesprochen, hat mir nicht vertraut, egal was ich
gemacht habe. Und genau deshalb bin ich ausgebrochen. Türkische
Eltern müssen einfach mit ihren Töchtern reden. Dann merken
sie auch, dass die ständige Kontrolle eigentlich der Grund ist,
warum sie rebellieren.
Aber wenn sie sich entschuldigen und ein wenig Reue zeigen würden,
dann wären doch alle wieder zufrieden. Das könnten Sie doch
mit Hilfe der Yellow - Press schnell erledigen. Warum machen Sie das
nicht?
Weil ich mich nicht
einschüchtern lasse. Ich bereue nichts. Wenn es mein Schicksal so
will, dass ich von einem fanatischen Türken niedergestochen werde,
dann ist es so. Ich kann sie ja sowieso nicht aufhalten.
Gibt es auch Situationen, in denen Sie mit deutschen Klischees
kämpfen müssen?
Ja, schrecklich. Ich hasse es,
wenn die Deutschen sagen, >>Du bist aber nicht wie die anderen
Türken<< oder >>Sie sprechen aber gut deutsch<<.
Natürlich bin ich nicht wie die anderen Türken. Ich bin hier
geboren und habe den deutschen Pass. Ich weiß, dass sie das als
Kompliment meinen. Aber das ist positiver Rassismus.
Sie haben nach Ihrem Berlinale - Erfolg keine neuen Rollen angenommen,
obwohl Ihnen viele Drehbücher zugeschickt wurden. Warum haben Sie
alle Angebote abgelehnt?
Weil die Rollen, die ich
spielen sollte, zu einseitig waren. Aus der Türkei kamen nur
Angebote für Filme, in denen ich mich ausziehen sollte. Und in
Deutschland sahen sie mich in der Türkinnen - Rolle, gerne auch
nackt. Und das wollte ich einfach nicht. Wissen Sie, ich habe meine
bloßen Brüste jetzt oft genug gesehen. Auch wenn das viele
jetzt nicht verstehen werden. Aber auch ich habe eine Schamgrenze, die
jetzt erreicht ist. Ganz besonders, wenn alle Augen auf einen gerichtet
sind.
In Ihrem nächsten Projekt spielen Sie eine Jüdin. Ein Film
über Anti - Semitismus, produziert von Arthur Brauner und Armin
Müller-Stahl. Keine Angst, dass Sie nach der Wut der
türkischen Fundamentalisten nun auch Rechtsradikale gegen sich
aufbringen?
Das ist mir egal. Ich
fühle mich sehr geehrt, dass man mir diese Rolle angeboten
hat.
